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Fokus
1/2.2012


 Die Zeit der legendären Fotoreportagen ist vorbei. Und auch jene der grossen Ethnografie. Doch eine jüngere Generation greift deren Ideen wieder auf, verbindet die fotografischen Sujets der Street-Photography mit Porträt- und Landschaftsaufnahmen, trägt sie in den Kontext der zeitgenössischen Kunst und entwickelt damit neue und offenere Lesarten fotografischer Bilder. Der bereits in diversen Soloshows in der Schweiz, Österreich und Deutschland vorgestellte Tobias Zielony ist ein markanter Vertreter dieser Generation.


Tobias Zielony - Manitoba


von: Grit Weber

  
links: Ghost, 2009-2011, alle Aufnahmen Courtesy KOW Berlin
rechts: Air, 2009-2011


Wer hat Angst vor Parallelgesellschaften? Wer fürchtet jene Gruppen, die aus welchen Gründen auch immer an den Rändern der Städte, an den Rändern der Gesellschaft ihr Leben führen?
Tobias Zielony, der diesjährige Empfänger des renommierten Karl Ströher-Preises, präsentiert in der mit dieser Auszeichnung verbundenen Ausstellung im Frankfurter MMK Zollamt sowie in einer Berliner Galerie seinen zwischen 2009 und 2011 entstandenen Fotozyklus ‹Manitoba›. Dieser zeigt Bilder aus dem gleichnamigen kanadischen Bundesstaat und dessen Provinzhauptstadt Winnipeg. Auf die Frage, warum er an jene sogenannten «Ränder» der Gesellschaft geht und gerade dort fotografiert, reagiert er sehr verhalten: «Da muss man auch die Frage stellen, wo heute eigentlich die gesellschaftliche oder geografische Mitte ist. Ich habe festgestellt, dass je weiter weg ich mich von einem vermeintlichen Zentrum aufhalte, desto weniger sind die Räume traditionell geprägt. Umso offener wirken diese Orte auf mich. Auch ist die Fluktuation dort grösser. Und die Protagonisten, die an diesen Orten leben, sind genau die, die mich interessieren.»

Auf den Spuren eines Anderen
Die aktuelle Präsentation wird durch den Film ‹The Deboard› von 2008 ergänzt. ‹The Deboard› ist eine Arbeit über einen ehemaligen Insassen eines örtlichen Gefängnisses. Der Protagonist beschreibt das Ritual einer Gang, dessen Leader er war. Damit er aus der kriminellen Gruppe aussteigen konnte, musste er sich einer ritualisierten Schlägerei unterziehen, an dessen Ende er «in Würde» und als «freier Mann» seine Mitgliedschaft aufkündigen konnte. Grobkörniges Filmmaterial mit einer Super-8-Kamera festgehalten bringt auch auf formaler Ebene das eigentlich nicht Nachvollziehbare zum Ausdruck. Gezeigt wird eine Welt, in der offene Gewalt den Weg in die Freiheit markiert.
In einer dazugehörigen aktuellen Soundinstallation folgen wir der Erzählung von Andrea Hiott, die in einem Text Beobachtungen und sehr persönliche Empfindungen von ihrer Reise nach Manitoba schildert. Hiott folgte den Spuren Zielonys zwei Jahre nach ihm. Die Stimme der Sprecherin wird durch Stimmfragmente ergänzt, von Zielony zur Untermauerung seiner eigenen Reiseeindrücke gesprochene Textteile. Die Soundinstallation wird so zu einem komplexen akustischen Gebilde, das die visuellen Annahmen der Fotografien mal widerlegt, mal bestätigt.
Film, Fotozyklus und Sound ergeben ein Porträt dieser Region und der indianischen Bevölkerung, die sich selbst als «First Nation» bezeichnet. Letztlich ist ‹Manitoba› eine Weiterentwicklung früherer Arbeiten Zielonys. «Mir geht es hier um die Verbindung der Themen von Jugendlichen und von indigenen Gruppen.» Dabei folgt der Zyklus keiner stringenten Story, eben weil es keine gibt. Genauso wie ‹The Deboard›, als Loop installiert, keinen klaren Anfang oder Ende aufweist. Weil sich Zielony einer linearen Struktur widersetzt, gibt er das vermeintlich Offensichtliche als unbeantwortbare Frage wieder zurück an die Betrachtenden. Er muss sich nun auf die Spur begeben.
Zielony wurde mit Reportagen über jene jugendlichen Gruppen bekannt, die keiner spezifischen Tätigkeit nachgehen, sondern in jeder Grossstadtsiedlung dieser Welt einfach «abhängen». In seinem aktuellen Fotozyklus konzentriert er sich ganz auf die Region Manitoba und deren indianische Bevölkerung, die wie in vielen anderen Gebieten Amerikas von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Drogenkonsum betroffen ist. Zu den Menschen kommen die Eindrücke dieser Landschaften, die ebenso wie die Leute eine Art Zwischenexistenz führen; die Menschen zwischen dem Spezifischen ihrer Region und einem globalem Style in Pose und Kleidung, die Landschaft zwischen einer zerrupften Urbanität und einer fast charakterlosen Ländlichkeit.

Die offene Erzählung

Wir sehen einzelne Gebäude, die in ihrer Schäbigkeit sofort zum Sinnbild von Armut werden könnten, würde nicht neben dieser Aufnahme eine gleich grosse stehen, die eine Person in selbstbewusster Haltung zeigt, oder einfach nur den Wipfel eines Nadelbaumes. Zielony macht sehr einfühlsame Porträts von den Jugendlichen, lässt sie in Gruppen posieren, ergänzt das Material um Landschaftsaufnahmen und um Szenen aus den Städten und Siedlungen. Auch Aufnahmen aus einem regionalen Museum sind darunter, publiziertes Material, das wiederum versucht «die eine» Geschichte über die indianische Bevölkerung und die weisse Besiedlung zu erzählen.
Diese Aufnahmen sind abfotografiertes historisches Material. Darunter finden wir auch Dokumente, welche die «Residential School» zeigen, jene Einrichtungen, die ausschliesslich Kinder der «First Nation» besuchten, um sie von ihren Eltern zu separieren und die Weitergabe indianischer Kultur zu kappen.
Die Serie entwickelt durch den Wechsel zwischen Porträt, Strassenaufnahme, Landschaft und mancher rätselhaften Detailaufnahme eine narrative Eigendynamik, die ohne klaren Anfang und Schluss auskommt. Seine Protagonisten wirken gleichermas­sen kraftvoll wie auch gefährdet. Beim Versuch, das Wesentliche dieser Leute und dieser Gegend zu erfassen, kann es lediglich eine Annäherung geben. ‹Manitoba› ist somit eine Sozialstudie mittels Fotografie ohne ein endgültiges Fazit.
Wir spüren die Nähe zur Ethnografie und gleichzeitig deren kritische Brechung. Hier geht es nicht um das wissenschaftliche oder journalistische Abklopfen einer fremden Ethnie. Spannung entsteht vor allem dort, wo sich Bestätigung und Befremden die Waage halten, wo Sachlichkeit und Emotionalität nicht als Widerspruch gesehen werden. Wir als Betrachter werden beständig angehalten, die Arbeit des Fotografen in unserem eigenen Kopf zu imitieren. Das Suchen nach Strukturen und Genres wird zur Selbstbefragung. Denn wie die Protagonisten das Individuelle ausformulieren und wie sie sich in Gruppendynamiken hineinbegeben und diese als Pose oder Haltung reproduzieren, sind Fragen, die, so spezifisch sie in Manitoba auch sein mögen, in jeder Region und in jeder gesellschaftlichen Schicht gestellt werden können.
Grit Weber, Chefredakteurin von ‹art kaleidoscope›, Frankfurt/M


Bis: 14.04.2012


Tobias Zielony (*1973, Wuppertal) lebt in Berlin

2001-2006 Akademie der Bildenden Künste, Leipzig
1998-2001 Studium Dokumentarfotografie, University of Wales, Newport
1997-1998 Studium Kommunikationsdesign, Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin

Einzelausstellungen
2011 Camera Austria, Graz; MMK Zollamt, Frankfurt/M; Folkwang Museum Essen
2010 ‹Vele›, Kunstverein Dortmund; ‹Story/No Story›, Kunstverein Hamburg; Kunsthalle Wien, Ursula Blickle Videolounge; Koch Oberhuber Wolff, Berlin
2009 ‹Trona - Armpit of America›, Centre PasquArt, Biel
2008 ‹Story/No Story›, Photomuseum Braunschweig
2007 Garage, Galerie BWA, Zielona Gora; The Cast, C/O Berlin; The Hidden, Galerie Lia Rumma, Milano
2006 ‹Some Sin for Nothing›, Kunsthaus Glarus; ‹Behind the Block›, Plan B Gallery, Cluj Napoca; ‹Big Sexyland›, Centre de la Photographie, Genève; ‹Aral/Gulf/Agip›, Museum am Ostwall, Dortmund



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Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Tobias Zielony [03.02.12-14.04.12]
Ausstellungen Tobias Zielony [12.11.11-15.01.12]
Institutionen KOW Berlin [Berlin/Deutschland]
Institutionen MMK Museum für Moderne Kunst [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Tobias Zielony
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