Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
1/2.2012


 Die Künstlerin Marina Belobrovaja hatte im Mai 2010 ihr Projekt kunstwette.ch lanciert. Für ihre künstlerische Intervention wurde Belobrovaja nun aktuell von einem Schweizer Gericht verurteilt - des Zufalls und des Geldes wegen.


Marina Belobrovaja - Die Kunst im Visier der Justiz


von: Verena Doerfler
von: Peter Studer

  
links: Kunstwette, 2010, Agent Double, Genf. Foto: Emma Nilsson
rechts: Öffentliche Abschiebung, 2007, Helvetiaplatz, Zürich. Videostill: Emma Nilsson


Wir schreiben das Jahr 2011. Euro-Staaten stehen kurz vor der Insolvenz. Es geht um Billionenbeträge. Ratingagenturen publizieren ihre Expertisen zum pekuniären Status quo souveräner Staaten und liefern denjenigen die «objektive» Basis, welche ihrerseits wiederum mit Anleihen auf die positive ökonomische Entwicklung dieser Staaten spekulieren. Oder eben auch nicht. «Wetten, Italien packts nicht ohne!» So ähnlich hört sich das dann wohl an. Inmitten dieser globalen Krisenstimmung strengt ein Schweizer Gericht einen Prozess gegen eine Künstlerin an. Obwohl das zur Verhandlung stehende künstlerische Setting kunstwette.ch bei genauerer Betrachtung den globalen Finanzspielzügen nicht ganz unähnlich ist. Was hatte Belobrovaja getan? Mit der ihr eigenen Manier hatte sie Verborgenem eine Sichtbarkeit verliehen. kunstwette.ch arrangierte eine öffentliche Bühne für das szeneninterne spekulative Verhandeln der Wettbewerbschancen bei den ‹Swiss Art Awards›. Bei einem Mindesteinsatz von CHF 10 und unter Zuhilfenahme sogenannter VIP-Prognosen durfte man in einem durch die Schweiz reisenden «Wettbüro» spekulieren, wer diesmal das Rennen machen würde. Als Beteiligte wie auch distanziert Beobachtende nahm Belobrovaja Wettscheine entgegen und initiierte Diskussionen über Konkurrenz, Wettbewerb sowie Ökonomie im künstlerischen Feld.

Glückliche Kunst
Für die Schweizer Justiz allerdings fungiert kunstwette.ch vorrangig als verbotene Lotterie, bei welcher «der Erwerb oder die Höhe der ausgesetzten Gewinne wesentlich vom Zufall oder von Umständen abhängig [sei], die der Teilnehmer nicht [kenne]»1. Was erstaunt. Suggeriert das Gericht doch damit, dass der «Gewinn» eines ‹Swiss Art Awards› mehr oder weniger vom Zufall bestimmt sei - und nicht, wie man annimmt, Resultat einer ausführlich tagenden Fachkommission. Ausserdem wird deutlich: Dass die Freiheit der Kunst2 dort endet, wo die freie Marktwirtschaft ihren Anfang nimmt. Denn: «Hätte man an dieser Veranstaltung chancengleich auch kostenlos teilnehmen können, wäre sie erlaubt gewesen.»3 Das ist Kafka pur - zumal Belobrovaja nicht nur den gesamten Gewinn an die Sieger ihres Wettspiels ausgeschüttet, sondern ihr Projekt sogar mit CHF 20'000 aus privater Kasse bezuschusst hatte. Von Selbstbereicherung also keine Spur.
Der Dadaist Walter Serner formulierte es wie folgt: «Es wird in der Welt regiert, indem Komödie gespielt wird. In diesem Zeichen allein wird gesiegt. Drum kämpfe nie um etwas. Spiele dich - vor.»4 Belobrovaja spielt, mit angemessenem Ernst. Und schafft Bühnen für Dinge, die sie für diskussionswürdig hält. Etwa indem sie sich und ihr Hab und Gut auf dem Zürcher Helvetiaplatz in einem Bus platziert und auf einem Transparent notiert: «Bitte helfen Sie mir, mich hier rauszuschaffen!»5 Indem sie der hiesigen Ausschaffungspraxis physisch wahrnehmbar ihren Körper leiht und die «Anderen» direkt involviert. Oder auch indem sie eine Party initiiert, bei der das technische Equipment (vom DJ-Pult bis zur Discokugel) nur auf Basis stromerzeugenden Velofahrens prekär engagierter «Angestellter» funktioniert.6 Was so viel heisst wie: Feiern die einen, schwitzen die anderen. Fragt man die Künstlerin nach dem Motor ihres künstlerisch-aktivistischen Wirkens, ist ihre Antwort simpel: «Das Leben!»
Gerade indem sie in ihren Projekten in besonderem Masse persönlich involviert sei, verschaffe sie sich eine Form von Distanz, die wiederum wesentliche Grundlage für den Akt der Emanzipation sei.
Solchem «revolutionären Dazwischen» will sich nun das Zürcher Cabaret Voltaire mit einer Ausstellung und Veranstaltungsreihe annähern. ‹Dada New York II: The Revolution to Smash Global Capitalism› unternimmt den Versuch, «Strategien von Dada in die Revolution von heute [...] zu überführen». Belobrovaja und kunstwette.ch sind Teil dieser Versuchsanordnung. Serner hätte wohl kommentiert: «Es gab noch nie
eine Revolution. Nur Revolteure.»7 Marina Belobrovaja wird sicherlich auch hier den für ihre Arbeit typischen produktiv-ungeordneten Widerstand leisten.

1 Urteilsbegründung, Statthalteramt des Bezirkes Zürich, 25.3.2011
2Schweizerische Bundesverfassung, Art. 21
3Urteilsbegründung, Statthalteramt des Bezirkes Zürich, 25.3.2011
4Serner, Walter: Letzte Lockerung. Ein Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen,
Zürich, 2007 (Erstveröffentlichungen 1918 und 1927), S. 111
5 ‹Öffentliche Abschiebung›, Aktion, 6.-11.8.2007
6 ‹Party Manual›, Installation und Setting in Zusammenarbeit mit Frank Landes und Valentin Altorfer
7Serner, Walter, a.a.O., S. 25

Verena Doerfler lebt als freischaffende Kulturjournalistin in Zürich und Hildesheim und forscht derzeit zur Kulturtechnik des Hochstapelns.

Juristischer Kommentar
Das Recht behauptet, es sei eine Wissenschaft; es drücke sich in nachprüfbaren Begriffen und Argumenten aus. Da mutet die «Beweisführung» von Verena Dörfler charmant amateurhaft an.
Tatbestand: Möglicherweise hat Marina Belobrovaja ein gültiges Gesetz verletzt, nämlich das Lotteriegesetz. Dieses verbietet in Art. 1 Lotterien, d.h. Veranstaltungen, bei denen gegen Leistung eines Einsatzes ein Gewinn in Aussicht gestellt wird, und zwar durch Zufälle, die der Wettteilnehmer nicht kennt. Vorausgesetzt sind Gewerbsmässigkeit und Planmässigkeit. Die amtliche Lotteriekommission (comlot) hatte Belobrovaja gewarnt, ihr vorgeschlagen, die Einsatzwette in eine erlaubte Gratiswette zu verwandeln und Hilfe angeboten. Die Künstlerin schlug dies aus. Falls Obergericht und Bundesgericht am Verstoss gegen das Lotteriegesetz festhalten, für den Belobrovaja mit CHF 200 gebüsst wurde (obere Strafgrenze: CHF 10'000), kann sie stolz behaupten, sie habe einen Akt zivilen Ungehorsams begangen. Für den nimmt man halt eine Strafe in Kauf (Beispiel: sachschädigende Graffiti an Hausmauern).
Rechtfertigungsgründe: Belobrovajas Rechtsanwalt, der kunstaffine Herbert Pfortmüller, machte geltend, es habe das Merkmal der Gewerbsmässigkeit gefehlt (kurze Dauer, geringer Umfang der «Aktion»; Belobrovaja legte drauf, statt einen Gewinn zu erzielen). Und überdies müsse dieser Bagatellverstoss gegen ein Verwaltungsgesetz an der Kunstfreiheit (Art. 21 der Bundesverfassung) gemessen werden. Ist die Kunstfreiheit ein eher unverbindlicher ‹Programmartikel› oder doch ein echtes Verteidigungstool der Kunstschaffenden? Die Praxis des Bundesgerichts neigt eher zur ersteren Ansicht. So hat es 2003 den Zermatter Künstler Heinz Julen verurteilt und Bilder eingezogen, die ein Sponsorenpaar milde karikierten, mit dem Julen im Streit lag. Persönlichkeitsschutz gehe der Kunstfreiheit in der Regel vor, meinten die Richter. Nur: Bei Belobrovajas Kunstwette geht es schlimmstenfalls um einen Miniverstoss, der keine Persönlichkeitsrechte verletzte und als neodadaistische Kunstaktion deklariert war. Kunstfreundliche Gnade in Form eines Augenzwinkerns wäre hier eher am Platz als verwaltungs- und strafrechtliche Strenge. Viel Glück, Marina!

Peter Studer ist Rechtsanwalt und Publizist in Zürich. Zudem ist er Präsident des Schweizerischen Kunstvereins.


Bis: 19.02.2012


 ‹fertig lustig! Der Gesetzesbruch als Teil des Kunstwerks›, Podiumsdiskussion mit Marina Belobrovaja und Gästen, 16.2., 20 Uhr, im Rahmen von ‹Dada New York II›, Cabaret Voltaire, Zürich



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2012
Institutionen Cabaret Voltaire [Zürich/Schweiz]
Autor/in Verena Doerfler
Autor/in Peter Studer
Künstler/in Marina Belobrovaja
Link http://www.kunstwette.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120109095518YPA-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.