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Fokus
1/2.2012


 Fast traumwandlerisch, doch mit hoher Präzision versteht es die Berner Foto-, Video- und Performance-Künstlerin Chantal Michel, Orte zu verwandeln, ihr eigenes Reich zu schaffen - und dabei ihr Werk fortzusetzen. So jetzt erneut als Gesamtinstallation in einer ehemaligen Villa in Thun.


Chantal Michel - Eine Thuner Villa wird Gesamtkunstwerk


von: Konrad Tobler

  
Chantal Michel vor ihrer Videoinstallation ‹Der geschrumpfte Raum›, 2011


‹Villa Gerber› steht an der alten Villa, der Schriftzug erinnert, richtig, an die dreieckigen Gerber-Streichkäse, die man schon seit der Kindheit kennt. Die Villa soll umgenutzt werden, in der Zwischenzeit nutzt sie bereits die Berner Foto-, Video- und Performance-Künstlerin Chantal Michel um, macht sie zu ihrem ureigenen Reich, so wie sie Jahre zuvor Schloss Kiesen zu einem Kunst-Schloss, zu einem Chantal-Michel-Schloss, zu einem märchenhaften und zugleich unheimlichen Gesamtkunstwerk verwandelt hat. Die unscheinbare, grau wirkende, ja prosaische ehemalige Villa gleich neben einer befahrenen Kreuzung in Thun hat es in sich, das wird gleich klar, wenn man durch das Portal tritt. Der hektische Alltag ist weg. Eine andere Welt öffnet sich, geheimnisvoll, aber nicht düster oder gespenstisch; alles ist abgedunkelt, kleine Lämpchen brennen da und dort. Möbel sind präzise und liebevoll angeordnet - als ob hier schon lange jemand wohnen würde, als ob die Künstlerin die Wohnung von jemandem übernommen hätte, der das Aussergewöhnliche liebte, der sich von der Welt zurückgezogen hätte, um ganz in seinem eigenen Kosmos zu leben.
Alles ist hier bis ins Detail arrangiert: Man befindet sich in einer grossen Installation, durch die man mit zunehmendem Staunen hindurchgeht, von Raum zu Raum, jeder ist in sich selbst wieder eine Installation, in der Mobiliar und ältere, bekannte und neue Werke, Fotografien und Videos von Chantal Michel ihre Rolle spielen und aufeinander abgestimmt sind. Mal ist die Atmosphäre warm, mal kälter, nichts ist gleich, so wie sich ja die Künstlerin selbst als stupende Verwandlungskünstlerin in den verschiedensten Kostümen selbst inszeniert und dabei auch Hodler- oder Ankergemälde paraphrasiert. Wieder ist die Stimmung eine geheimnisvolle, wie damals im Schloss Kiesen, und wieder paart sich das Märchenhafte mit dem Unheimlichen, das nicht nur in der Überraschung nistet, sondern erneut im leicht Unfassbaren, in der Verwandlung, die im Werk der Künstlerin schon seit jeher auch an das nur scheinbar Leichte in ‹Alice im Wunderland› erinnert. Das wird noch verstärkt oder verdoppelt dadurch, dass Chantal Michel immer auch selbst anwesend ist, hier wohnt und hier - auf Anmeldung selbstverständlich - Dinners im grossen Gewölbekeller oder Übernachtungen im ebenfalls installativ eingerichteten Gastzimmer anbietet. Wer hier diniert oder übernachtet, erlebt selbst eine Verwandlung, übernimmt eine Rolle und wird so Teil des Gesamtkunstwerks.
Konrad Tobler, Autor und Kunstkritiker, Bern.


Öffnungszeiten: Flohmarkt jeden Samstag, 10-16 Uhr (bei Regen geschlossen); Ausstellung und Dinner auf Anmeldung: 031 311 21 90



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Ausgabe 1/2  2012
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Chantal Michel
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