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Fokus
1/2.2012


 Die qualifizierten Kunstkommentare verschwinden aus den Zeitungen, neben vereinzelten profilierten Stimmen in der Sonntagspresse lässt sich nur noch das Radio vernehmen. Was aus­serhalb der Fachmedien über Galerien noch vermittelt wird, sind sensationelle Verkaufszahlen. Die Galerie als kritischer Resonanzraum wird nicht thematisiert.


Eine Hommage - Die Galerie als Ort der unterstützenden Kritik


von: Hans Rudolf Reust

  
Galerie Friedrich, Aufnahmen aus Ausstellungen mit Franziska Furter, Matthew McCaslin und Kay Rosen, Mario Sala, Thomas Schütte, Florian Slotawa, Bethan Huws, 2002-2008 © ProLitteris. Foto: Jeanette Mehr


Mit den zahlenschweren Messeberichten verschwindet ein differenziertes Bild des Kunsthandels aus dem öffentlichen Bewusstsein: Für Künstler/innen spielt die persönliche Galerie eine entscheidende Rolle, nicht nur aus kommerziellen Gründen, sondern - und das kommt selten zur Sprache - als Ort der unterstützenden, weil über Jahre hin fundierten und unbestechlichen Kritik, als Ort der zusammen durchgestandenen Zweifel hinter den Kulissen, als Form der gemeinsam riskierten Auf- und Ausbrüche. Der stille Abschied des im Herbst 2011 verstorbenen Otto Friedrich - Galerie Erika und Otto Friedrich, Basel, vormals Bern - hat viele Gespräche über die Rolle von Galerist/innen jenseits der Spotlights ausgelöst. Nachfolgend würdigen die Künstlerin Candida Höfer und der Kurator Ulrich Loock diesen besonderen Menschen, stellvertretend für zahllose andere Galerist/innen, die auf vergleichbare Weise einen engagierten Dialog mit Kunstschaffenden und Publikum pflegen.
Candida Höfer: «Die Galerie war für mich stets eine kleine Ordnung von Räumen, deren Proportionen immer gerade den Dingen zu entsprechen schienen, die gezeigt wurden, und in denen Otto Friedrichs Anwesenheit eine stete Einladung zum Gespräch unter Freunden war. Seine Auswahlentscheidungen suchten die Reduktion auf das Wesentliche und verlangten die Ruhe in der Betrachtung. Eine meiner letzten Erinnerungen an ihn: Es war eine Ausstellung in Deutschland. Plötzlich sah ich Otto. Er war gekommen, um das Bild auf der Einladung im Original zu sehen. Er sah sich noch die anderen Bilder an. Als ich mich wieder nach ihm umsah, war er gegangen.»
Ulrich Loock: «Otto, der kleinere von E + O, er steht, sie ist in Bewegung. Man weiss nicht, wie genau die beiden das eigentlich gemacht haben. Man konnte mit ihm oder ihr sprechen, hatte nie das Gefühl, es wäre etwas abgesprochen, ich kann mich aber an kein Mal erinnern, an dem sie einander widersprochen hätten. Nicht aus Symbiose, sondern weil es um die Kunst ging, die ihnen am Herzen lag - sie müssen ihre Gedanken lange und viel miteinander geteilt haben, bevor sie mit etwas nach draussen gegangen sind. Ich glaube, es wäre Otto nie eingefallen, sein Eigen zu nennen, was ihm nicht gehörte - ‹unsere Künstlerin›, das sicher nicht. Die Entscheidung für die Kunst, mit der er zu tun haben wollte, war weder missionarisch noch apologetisch, aber ich kann mir nicht vorstellen, was ihn von seiner Entscheidung hätte abbringen können. Es würde grosse Mühe machen, an eine andere Galerie zu denken, wo die Galeristen so wunderbar zu der Kunst gestimmt hätten, für die sie eintraten, immer aussergewöhnliche, empfindsame, subjektiv verantwortete Kunst.»
Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker, Leitung Fine Arts hkb, Präsident EKK.



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Ausgabe 1/2  2012
Institutionen Galerie Friedrich [Basel/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
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