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Fokus
1/2.2012


 Seit über vier Jahren existiert in Berlin das Substitut, Raum für aktuelle Kunst aus der Schweiz. Für die arme, aber sexy Stadt schon fast rekordverdächtig lange. Der Leiter Urs Küenzi sieht sich mittlerweile als Teil des kreativen Prekariats und überlegt nach einer schlaflosen Nacht, wie es so weitergehen könnte - eine Selbstbefragung.


Förderpolitik - Kuratieren als Selbstausbeutung


von: Urs Küenzi

  
Urs Küenzi in der Ausstellung von Miriam Steinhauser. Foto: Miriam Steinhauser


Eine durchwachte Nacht. Endlos scheinende Aufgabenlisten (von Aufsicht organisieren bis Zusage von Stiftung XY beantworten) vermischten sich mit wirren Existenzängsten. Natürlich habe ich versucht, mich zu beruhigen. Nach über vier Jahren sollte ich mich sicherer fühlen, was die Finanzierung des Substituts angeht. Zumal im Sommer die Beiträge meistens bis Ende Jahr gesprochen sind. Dennoch. Die bösen Geister erwischen dich stets in der Nacht.
Fenster putzen, Boden und Wände streichen, aufräumen, Buchhaltung machen, Geräte mieten, Bilder rahmen lassen, Pressetext verschicken, Homepage updaten, Veranstaltung auf facebook posten, Künstler kontaktieren, Flugtickets buchen, Übernachtung organisieren, Aushilfen anfragen, Material einkaufen, Flyer verteilen...
Dies ist nur ein winziger Auszug aus der Liste der täglich zu erledigenden Dinge. Der eigentliche, kreative Teil des Kuratierens ist letztlich nur die Spitze des Eisberges. Die Freude, mit Künstler/innen im Atelier Arbeiten zu besprechen, sie danach im Substitut zu installieren und dem Publikum zu vermitteln, ist immer noch gross. Ohne diese Passion hätte ich längst aufgegeben. Das Gefühl, besonders nach einer Eröffnung, etwas geschafft zu haben, ist toll. Während den Öffnungszeiten mit dem Publikum in Kontakt zu sein, dessen Reaktionen unmittelbar zu hören und zu diskutieren, macht Spass. Ich freue mich auch darüber, dass dies überhaupt möglich ist; dank der Unterstützung von Stiftungen. Es ist machbar, unabhängige, alternative Strukturen aufzubauen - auch dank der Pionierarbeit in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Die Selbstermächtigung findet fruchtbaren Boden.
Leider wird dieser jedoch dünner und dünner. Auf der einen Seite zieht sich die öffentliche Hand wegen knapperen Budgets immer mehr zurück. Gleichzeitig wird die «Institutionalisierung» der freien Räume von Stiftungen kritisch beobachtet, verliert zwischen Projekt- und Leuchtturmförderung an Boden. Hinzu kommen mangelnde Solidarität innerhalb der Kunstszene und eine Generation von Künstler/innen, für die alleine der Markterfolg erstrebenswert ist. Klar, mit Kunst kann viel Geld verdient werden. Auf der Strecke bleiben aber jene, die nicht Design auf hohem Niveau für den Kunstmarkt herstellen, respektive ausstellen, sondern beispielsweise diskursive, performative oder installative Kunst machen. Letztere arbeiten grösstenteils nach dem Prinzip der Selbstausbeutung. Sie halten sich mit Jobs, manchmal mit Preisgeldern über Wasser. Die freiwillige Entscheidung für diese Lebensform wird aber irgendwann zum Gefängnis. Berlin ist dafür das beste Beispiel. Die meisten leben, mit oder ohne Hartz IV, gerade mal knapp am Existenzminimum. Ob sie, so Chris Dercon, Direktor der Tate Modern, alle zu Zombies mutiert sind, sei mal dahingestellt. Aber die Bereitschaft, sich selbst auszubeuten und die daraus resultierenden Nachteile in Kauf zu nehmen, wird in der nicht institutionellen und nicht kommerziellen Kunst heute vorausgesetzt. Hinzu kommt, dass es von politischer Seite an Anerkennung für die Leistung alternativer Strukturen mangelt.
Wie kann das Prekäre denn politisch sein, wenn die Politik es schlicht ignoriert? Natürlich, das Prekäre muss unbedingt bejaht werden, wie Thomas Hirschhorn in seinem Text zu ‹Crystal of Resistance› fordert. Als Gegenentwurf zum kapitalistischen Wildwuchs und zur Ermutigung der sogenannt «Verlorenen Generation».

Urs Küenzi, freier Kurator, leitete 2004 bis 2007 den White Space in Zürich. Finanzierung seines Lebensunterhalts durch eine Anstellung beim Migros-Kulturprozent.


Das Substitut 2007 von Urs Küenzi gegründet, zeigt jährlich ca. sechs Ausstellungen in Berlin sowie weitere internationale Projekte an anderen Orten
Durchschnittliches Jahresbugdet: € 30'000 von privaten Stiftungen und der öffentlichen Hand
Besucher: ca. 2'000 pro Jahr
Organisation: Unentgeltliche Leitung und 1 Mitarbeiter; Aushilfen auf Stundenbasis, je nach Bedarf



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Ausgabe 1/2  2012
Institutionen Substitut [Berlin/Deutschland]
Autor/in Urs Küenzi
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