Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Artists in Residence
1/2.2012


 Die Zürcher Stiftung Binz39 bietet neben den Atelierplätzen für Schweizer Künstlerinnen und Künstler in Zusammenarbeit mit der Zuger Stiftung Landis & Gyr auch ein jeweils sechsmonatiges Ost-Stipendium an. Nach Künstlern aus der Ukraine, Bulgarien und Armenien ist mit Nino Sekhniashvili (*1979) nun eine Georgierin aktuelle Stipendiatin. Auch in den nächsten Jahren soll der Austausch mit Georgien beim Gast-Stipendium im Vordergrund stehen.


Nino Sekhniashvili - Mit James Joyce zum Surfbrett


  
Nino Sekhniashvili in der BINZ39, Zürich, 2011. Foto: Cat Tuong Nguyen


Morgenthaler: Nino, dein Aufenthalt in der Stiftung Binz39 ist bereits dein viertes Auslandstipendium. Was unterscheidet die verschiedenen Gastaufenthalte?

Sekhniashvili: Schon als ich noch in Georgien lebte, bin ich viel umgezogen. Für meine Arbeit ist es wichtig, dass es mir an einem Ort nicht zu bequem wird. Deshalb habe ich mich auch intensiv für Auslandstipendien beworben - mir war es eigentlich gleichgültig, wohin ich gehen würde. Der Gastaufenthalt im Office for Contemporary Art in Oslo war dabei vergleichsweise frei, während ich in der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart stärker das Gefühl hatte, Teil einer Institution zu sein. In Wien wiederum wurde mir einfach Geld zur Verfügung gestellt, und ich musste mich selbst organisieren.

Morgenthaler: Und in Zürich?


Sekhniashvili:
Was hier sicher speziell ist, ist die hohe Dichte an Institutionen und Galerien. Hier lassen sich sehr viele Informationen sammeln. Man kann vergleichen, wie andere arbeiten. Davon lässt sich dann auch ableiten, was mein eigener Platz in der Kunstwelt sein könnte. Wie ich in dieses System passen könnte. Man kann sich selber quasi mit fremden Augen anschauen und bewerten. Und man hat Zeit, alle Eindrücke zu reflektieren.

Morgenthaler: Man ist ja ob dem Riesenangebot auch schnell einmal etwas überfordert...

Sekhniashvili:
Das stimmt. Das kann auch dazu führen, dass man denkt, es sei ohnehin schon alles gemacht. Dass man sich als Kleinkünstlerin vorkommt, die eben buchstäblich Kleinkunst macht. Also auf einem niedrigeren Level als die anderen tätig ist.

Morgenthaler: Inwiefern unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen hier in Zürich von denen in Georgien?


Sekhniashvili:
In Georgien ist vieles erst im Entstehen. Es gibt beispielsweise keine Institution, die etwa die Künstler zusammenbringt, die, wie ich, konzeptuell arbeiten. Jeder arbeitet eher für sich selbst, und eine richtige Zusammenarbeit ergibt sich erst nach und nach. Aber meine Generation kann sehr vieles verändern.

Morgenthaler: Die Stiftung Binz39 ist ja auch eine Art Arbeitsgemeinschaft, mit sehr direktem Austausch zwischen den Künstlern...


Sekhniashvili:
Richtig, und da in den Räumen auch Ausstellungen stattfinden, ist es vielleicht das erste Mal, dass ich dieselbe Ausstellung schon dreissig Mal gesehen habe!

Morgenthaler: Zürich hat keinen Meeranstoss, und dennoch hast du hier im Atelier ein Surfbrett aus Styropor nachgebaut?


Sekhniashvili:
Mir gefällt die Form des Objekts sehr gut. Und ausserdem dient mir das Brett mehr zum Denken, als dass es für eine Ausstellung gedacht wäre. Ich kann mich bei der manuellen Arbeit daran sehr gut konzentrieren.
Morgenthaler: Die Ost-Stipendiat/innen der Binz wohnen teilweise in Zug, in den Wohnungen der Stiftung Landis & Gyr. Ist dort ebenfalls ein Austausch zustandegekommen?

Sekhniashvili:
Das Spannende an diesen Wohnungen ist, dass die anderen Stipendiaten nicht zwingend Bildende Künstler sind, sondern etwa auch Schriftsteller. Ihre Arbeitsweise interessiert mich sehr. Für die Videoarbeit ‹Charlotte› habe ich 2006 die Geschichte einer Frau verarbeitet, die sich umbringt, damit ihr Liebhaber - ein Schriftsteller - Inspiration findet. Nur nützt das nichts, und die Inspiration bleibt trotz des Suizids aus. Das ist tragisch und lustig zugleich. Eine ähnliche Geschichte habe ich letzthin übrigens auch in der Zürcher James Joyce Foundation gehört.

Morgenthaler: Du besuchst die wöchentlichen Sitzungen in der Foundation zu ‹Ulysses› und ‹Finnegans Wake›?


Sekhniashvili:
Wenn ich kann, ja. Das Schöne an diesen Sitzungen ist: Jeder ist in meiner Situation. Wie ich mich in der Fremdsprache Deutsch quasi von Wort zu Wort fortbewege, wird dort auch nacheinander jedes Wort durchgegangen. Für ‹Finnegans Wake› braucht die Gruppe etwa zehn Jahre.

Morgenthaler: Du kannst dafür sicherlich oft mit deinen Georgisch- und Russischkenntnissen weiterhelfen...


Sekhniashvili:
Ich habe ‹Ulysses› in Georgisch und Russisch gelesen. Und dabei bemerkt, dass es jedesmal ein völlig anderes Buch war.
Morgenthaler: Und was war die Geschichte, die im Seminar erzählt wurde?

Sekhniashvili:
Die erzähle ich dann lieber im Video nach, das daraus entstehen wird. Nur soviel: Es geht ebenfalls um einen paranoiden Schriftsteller.


Bis: 14.04.2012


‹Gruppe BINZ39 - 2011/2012›, Gruppenausstellung mit Atelierstipendiaten, 9.3.-14.4. Stiftung Binz39, Zürich
www.binz39.ch
www.lg-stiftung.ch

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.
English Version



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2012
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Nino Sekhniashvili
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120109111603FMT-9
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.