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Besprechung
1/2.2012


Franz Krähenbühl :  In der angeblich «bisher grössten Einzelausstellung» in Europa von Berlinde De Bruyckere werden nicht nur Werke der flämischen Künstlerin gezeigt. Sie werden zusätzlich flankiert von zwei auf den ersten Blick unterschiedlichen Positionen: Lucas Cranach und Pier Paolo Pasolini.


Bern : Berlinde De Bruyckere, ‹Mysterium Leib


  
links: Berlinde De Bruyckere · Schmerzensmann V, 2006, Wachs, Epoxidharz, Eisen, 420 x 80 x 80 cm. Foto: Mirjam Devriendt
rechts: Lucas Cranach d.Ä. · Schmerzensmann, um 1515 oder 1535, Rotbuchenholz, 56,9 x 39,6 cm. Evangelische Kirchengemeinde Wörlitz. Courtesy KSDW. Foto: Heinz Frässdorf


Im Obergeschoss, gleich beim Treppenaufgang, ragt ein grosser Dorn aus dem Boden. Die Spitze wird umfasst von einem amorphen Körper, aus dem zwei Beine wachsen, die der Form und der Grösse menschlicher Gliedmassen entsprechen. Die roten Verfärbungen in der ansonsten blassgrauen Oberfläche unterstützen die Suggestion, dass es sich trotz fehlender Arme, nicht vorhandenem Kopf und undefinierbarem Rumpf um einen Leib handelt, der infolge kaum vorstellbarer Gewalt nun diese Form erlangt hat. Das Inkarnat ist Materie, Körper und Form geworden.
Dieses erste Werk, der ‹Schmerzensmann V›, macht gleich zu Beginn der Ausstellung deutlich, dass existenzielle Gefühle und Themen das Schaffen der Künstlerin bestimmen. Die Empathie, die Fähigkeit zum beinahe physischen Mitleiden durch die blosse Betrachtung der aus Wachs und Epoxidharz bestehenden Werke, vermittelt dem Besucher der Ausstellung von Berlinde De Bruyckere (*1964) eine Vorstellung des am menschlichen Körper ausgetragenen Schmerzes und der Pein. Glichen frühere Arbeiten aus Pferdefellen verstümmelten Kadavern, so stammen hier manche der abgegossenen und mit groben Nähten zusammengefügten Körperfragmente von Menschen. Die grösste Präsenz, Unmittelbarkeit und Verletzlichkeit zeigt sich aber nicht in den Werken, die klar erkennbare Glieder aufweisen - wie der ausgeweidete und enthauptete Rumpf eines Hirsches, ‹Romeu‚ my deer'› -, sondern vielmehr in einem Objekt wie ‹Inside me II›, wo verschlungene Röhren arterien- und venenähnlich auf einem Kissen liegen. Manche Arbeiten sind zudem in alten Vitrinen platziert, was Assoziationen an ein medizinhistorisches Kabinett wachruft.
Die intensive Beschäftigung mit den Themen Körper, Schmerz und Leid ist das verbindende Glied der beiden Künstler Pasolini (1922-1975) und Cranach (1472-1552) mit De Bruyckere. Als leidenden und fragenden Menschen stellt Cranach in seinem ‹Schmerzensmann› den geschundenen Christus mit Dornenkrone dar. Der Schmerz bleibt körperlich und verweigert die Vergeistigung. Die brutale Verdinglichung des Körpers als Ort der Obsession und Gewalt thematisiert Pasolini in Filmen wie ‹Salò o le 120 giornate di Sodoma›, der v.a. im reichen Rahmenprogramm im Kino des Kunstmuseums gezeigt wird. In der Ausstellung ist Pasolini mit zwei Filmen präsent, für deren Betrachtung allerdings vier Stunden einzuplanen sind.

Bis: 12.02.2012



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Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Berlinde de Bruyckere [21.10.11-12.02.12]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Franz Krähenbühl
Künstler/in Berlinde De Bruyckere
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