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Besprechung
1/2.2012


Raimar Stange :  In ihrer Kunst führt Lara Almarcegui eine so sensible wie minimalistische Dekonstruktion meist leerer Flächen vor. Im Künstlerhaus Bremen zeigt sie jetzt einen spannenden Querschnitt ihres vielschichtigen Werkes und präsentiert dabei fast schon eine Retrospektive.


Bremen : Lara Almarcegui, ‹Brachflächen, Grabungen, Baustoffe›


  
links: Lara Almarcegui · Konstruktionsmaterial Lunds Centrum, 2005, Installationsansicht, Künstlerhaus Bremen, 2011. Foto: Michael Schmid
rechts: Lara Almarcegui · Guide to the Wastelands of the Lea Valley. 12 Empty Spaces Await the London Olympics, 2009


Brachen stehen immer wieder im Zentrum der künstlerischen Recherche von Lara Almarcegui (*1972, Saragossa). Auch in Bremen hat sie nach Brachflächen gesucht und eine solche im ehemaligen Hafengebiet der Hansestadt ein Jahr lang beobachtet. Dieses Gebiet wird jetzt baulich erschlossen, trotzdem gelang es der in Rotterdam lebenden spanischen Künstlerin bisher, die Brache zu bewahren. Das Foto ‹Eine Brachfläche in der Überseestadt›, 2011, verweist auf dieses Engagement, die daneben ausgelegten Broschüren ‹Guide in the Wastelands of the Lea Valley›, 2009, dokumentieren zudem in Text und Bild zwölf Brachen aus London. Im Jahre 2009 hatte Almarcegui am Londoner Stadtrand untersucht, wie die Bauarbeiten für die Olympischen Spiele 2012 unzählige Brachen verschwinden liessen. Spannend ist, wie die Heterotopie Brache für die Künstlerin zum konkreten Symbol für ihre eigene Arbeit wird. Als quasi unnütze Fläche entspricht sie nicht nur Kants Definition des «interesselosen Wohlempfindens», sondern sie fasziniert vor allem als Ort, «an dem alles möglich scheint, an dem die Zeit stillsteht und dem Betrachter jenseits des urbanen Rhythmus paradiesische Vegetation geboten wird» (Almarcegui). Dass diese allgemein unterschätzten Paradiese zunehmend bedroht sind, auch das hat die Brache mit der Kunst gemeinsam.
Die Bedrohungen finden sich in unterschiedlicher Weise in Almarceguis Kunst wieder, so in ‹Konstruktionsmaterial Lunds Centrum›, 2005. Für dieses Projekt hat die Spanierin sämtliche Baumaterialien sowie deren Menge recherchiert, die beim Bau des Zentrums der dänischen Stadt Lund verarbeitet wurden. Das Ergebnis steht säuberlich aufgelistet in dänischer Sprache an der Ausstellungswand geschrieben und endet mit der lapidaren Feststellung: «Total vikt 848 230 ton». Die ästhetische Basisarbeit der Dekonstruktion des modernen Städtebaus steht ein für das präzise Gegenteil einer Brache, nämlich für eine durchkonstruierte und alltäglich benutzte urbane Architektur.
Mit simplen, aber einleuchtenden Mitteln untersucht Almarcegui auch die Architektur des eigenen Betriebssystems. Wie in der Bremer Ausstellung im Videoloop ‹Abtragen des Parkettfussboden, Graphisches Kabinett›, 2010, zu sehen ist, hat sie beispielsweise in der Wiener Secession das Parkett eines denkmalgeschützten Raumes entfernen lassen, nur um dieses nach einem kurzen Blick auf das Darunterliegende wieder aufzulegen: aufdeckende Analyse als absurde Sisyphusarbeit.

Bis: 12.02.2012



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Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Lara Almarcegui [19.11.11-12.02.12]
Institutionen Künstlerhaus Bremen [Bremen/Deutschland]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Lara Almarcegui
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