Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2012


Brita Polzer :  Erneut richtet Peter Weibel eine gigantische Ausstellung aus, in der er hochaktuelle Zusammenhänge und Fragestellungen thematisiert. 1993 beschäftigte er sich in ‹Kontext Kunst› mit der Kunst der Neunzigerjahre, 2005 ging es in ‹Making Things Public› um Demokratie, aktuell steht die Globalisierung an.


Karlsruhe : The Global Contemporary - Kunstwelten nach 1989


  
links: Halil Altindere · My Mother Likes Pop Art Because Pop Art is Colourful, 1998, C-Print auf Alu-Dibond, 100 x 150 cm
rechts: Jun Nguyen-Hatsushiba · The Ground, the Root and the Air: The Passing of the Bodhi Tree, 2007, 1-Kanal-Videoinstallation, HD


Peter Weibel hat die Ausstellung nicht allein eingerichtet. Cokuratorin ist Andrea Buddensieg und die Ergebnisse eines seit 2006 am ZKM zusammen mit Hans Belting organisierten Forschungsprojekts namens GAM fliessen in das enorme Unternehmen mit ein. Thema ist das Ende der abendländischen Vorherrschaft des kunsthistorischen Kanons, das mit dem Fall der Mauer 1989 endgültig besiegelt wurde. Was bedeutet das für die Museen, welche Rolle werden sie zukünftig noch spielen? Und was heisst es generell für den Westen, dass erstmalig andere Staaten in der Lage sind, festlegen zu können, wer in- und wer exkludiert wird. Mit einem ausgezeichneten, differenzierten und bebilderten Theorieteil wird das Publikum in diese Zusammenhänge eingeführt. Zeitablauf und geografische Ausbreitung der globalen Kunstpraxis werden rekonstruiert, wobei «Magiciens de la terre» 1989 in Paris die initiale Zündung setzte. Was ein Museum ausmacht, ändert sich, zunehmend werden die Musentempel als Tourismusattraktor in sogenannten Cultural Districts errichtet und auch der Vormarsch der Auktionshäuser ist Indikator der Globalisierung.
Dann beginnt die eigentliche Ausstellung und hat man schon jetzt geraume Zeit investiert, können nun noch Stunden folgen. Die Menge der Arbeiten ist in Kapitel unterteilt und eine umfangreiche Begleitbroschüre hilft, sich mit den vielfach unbekannten Positionen vertraut zu machen. Beispielsweise mit Jun Nguyen-Hatsushiba (*1968, Tokio, lebt in Ho-Chi-Minh-Stadt und New York), der in seinem bizarren Video eine Gruppe laotischer Kunststudent/innen zeigt. Während ihre hölzernen Motorboote den Mekong hinabgleiten, versuchen sie - in westlicher Staffeleimanier - die Landschaft festzuhalten. Alles funktioniert bestens, bis am Ufer ein heiliger Bodhi-Baum auftaucht und einige der Künstler in den Fluss springen, um ans Ufer zu gelangen. Diverse Staffeleien und Zeichnungen fallen ins Wasser, die Harmonie zwischen westlichen und regionaleren Riten ist noch nicht ganz ausgefeilt. Halil Altindere (*1971, Istanbul) zeigt ein Foto seiner Mutter. Sie sitzt - in stoffliche Ornamente gebettet - und schaut konzentriert eine Pop-Art-Publikation an, deren grelles Cover Andy Warhols Marilyn zeigt. So selbstverständlich mutet die Szene an, dass unsere westliche Kultur, die poppige Marilyn, als Nebenprodukt, als in der arabischen Welt nur temporär auftauchender Effekt erscheint.

Bis: 05.02.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen The Global Contemporary [17.09.11-05.02.12]
Institutionen ZKM | Zentrum für Kunst und Medien [Karlsruhe/Deutschland]
Autor/in Brita Polzer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120109130622AD1-13
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.