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Besprechung
1/2.2012


Yvonne Ziegler :  Nicolas Faure zeigt in der Ausstellung ‹Alles in Ordnung›, dass trotz Regelungen, sorgfältigen Bemühungen und Vorbereitungen auf den Notfall in der Schweiz Unordnung und Ungeplantes in urbanen und natürlichen Landschaften zu finden ist. Manch Absurdes ist auch ein Gewinn, es rückt Klischees gerade.


Kriens : Nicolas Faure, ‹Alles in Ordnung›


  
links: Nicolas Faure · Région Visp (VS), Mai 2006
rechts: Nicolas Faure · Exercice de sauvetage, Mont-Russelin Sud (JU), September 1998


Bisher hat der Genfer Fotograf Nicolas Faure (*1949) vor allem durch konzeptuelle Fotoserien international auf sich aufmerksam gemacht. Er arbeitet in der Regel über vier bis fünf Jahre an einem Thema, das anschliessend in einem Fotoband mit Text publiziert wird, so beispielsweise ‹Autoland - Bilder aus der Schweiz›, ‹Good bye Manhattan› oder ‹Switzerland on the rocks›. In seinem riesigen, analog aufgenommenen Bildarchiv befinden sich jedoch auch Fotografien, die jenseits der selbst auferlegten Fragestellungen, am Rande des eigentlichen Fokus vor die Kamera gerieten. Das Museum im Bellpark Kriens zeigt eine grosszügig präsentierte Auswahl dieser zufälligen Nebenprodukte, welche die Frage nach einer Schweizer Befindlichkeit am Rande des zu Erwartenden stellen.
Mehrere Fotografien zeigen Katastrophenübungen. Einsatzwagen stehen in Reih und Glied, «Patienten» werden nach Härtegrad mit Schildern versehen, Wasser spritzt auf Flugzeuge. Skurril wirken Unbeteiligte, die seelenruhig Basketball spielen, schaulustige Dorfbewohner oder der nagelneue Asphalt einer noch nicht eingeweihten Autobahn. Prestigeobjekte erhalten einen merkwürdigen Touch, wenn in Verbois achtlos Metallmüll vor einer aufgebockten Turbinenschraube liegt oder die Schweizer Mirage in Rose de la Broye im Nebel neben schweren Gesteinsbrocken thront, die fein säuberlich die Strasse säumen. Besonders deplatziert wirkt ein Flugzeug, das auf einem durch Turbinenschrauben gehaltenen Ständer steckt, neben dem ein dünnes Bäumchen wächst, sodass man nahezu meinen könnte, das Flugmobil hätte sich im Geäst verfangen. Und was sollen die sorgsam angeordneten, jedoch viel zu nahe beieinanderstehenden Hindernisse auf dem Schweizerischen Nationalgestüt in Avanches?
Letztlich sind es selten festgehaltene, irritierende Unorte, auf die Faure im Lauf der letzten 15 Jahre gestossen ist: In Vernier stand 1995 eine aus Schrottteilen gezimmerte Behausung im Niemandsland vor einer immensen Hochhauszeile, im selben Jahr türmten sich bei Satigny zwischen mehreren Industriegebäuden umgekippte Plastikkisten, den Blick auf Schnee bedeckte Bergketten kontrastierend. Man wird gewahr, dass Zivilisation Ordnung und Unordnung gleichermassen hervorbringt, dass nicht alles in Ordnung ist, auch wenn Objekte, Materialien und Erinnerungsstücke sorgsam arrangiert sind. Faure gelingt es, den Blick auf Grenzfälle zu richten, insbesondere auf die Berührungspunkte von natürlich Gewachsenem und vom Menschen Gestaltetem.

Bis: 26.02.2012



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Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Nicolas Faure [20.11.11-26.02.12]
Video Video
Institutionen Museum im Bellpark [Kriens/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Nicolas Faure
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