Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2012


J. Emil Sennewald :  Wie verändern Projektionen des Mythischen den Begriff der Tanzkunst? Wie erweitern Tanznotationen das künstlerische Feld der Zeichnung? Welche Verwandtschaften gibt es zwischen Ausdruckstanz und faschistischem Kult? Mehr Fragen als Antworten im Centre Pompidou.


Paris : ‹Danser sa vie›


  
Adolphe (baron) De Meyer · Nijinsky à mi-corps, tenant une grappe de raisins, 1914, Fotomechanischer Druck (collotype), 20,9 x 15,8 cm, Sammlung Musée d'Orsay, Paris


Wenn man über die Geschichte des Tanzes in der Moderne nachdenkt, stellen sich interessante Fragen. Doch auf diese liefert das Centre Pompidou keine Antworten. Stattdessen präsentiert es plötzlich diese Übersicht, unter dem sich Schätze der Tanzgeschichte zu einem motivisch harmonischen, zahlenmässig beeindruckenden Reigen aus 450 Schaustücken fügen. Die Hauskuratorinnen Christine Macel und Emma Lavigne haben auf mehr als 2000 Quadratmetern erneut eine Chance vergeben, aktuelle Dynamiken der Kunst durch fundierte Forschungsarbeit zu bereichern. Stattdessen stossen wir auf zweifelhafte Kombinationen, wie Nijinskys ‹Nachmittag eines Fauns›, 1912, mit Matthews Barneys ‹Envelopa: Drawing Restraint 7 (kid)›, 1993, und Rodins Tänzer-Skulpturen. Mit der Frage, ob statt des Tänzerischen hier nicht der wollüstige Faun-Mythos die Werke eint, kommt der Verdacht auf, dass bloss motivische Resonanzen wirken. Der wird im Weiteren bestätigt, wenn Adam Meisenbachs Autochrome ‹Danseurs au Lac Majeur près d‘Ascona›, 1914, mit Ernst Ludwig Kirchners Fotos einer Tänzerin im Wald, 1929, und Videos von Thierry De Mey, ‹In Silence und Water›, 2000, zu einem Tableau über Tanz im Wald versammelt werden.
Und so geht es weiter: Mit kunsthistorischen Trippelschritten, die Werke zu Ringelreihen über Tanz und Wilde, Tanz und Hexen usw. sortieren. Die suggestive Hängung führt zu motivischen Kurzschlüssen, wie zwischen Trisha Browns Tanz-Zeichnungen und Jackson Pollocks Drip-Paintings, deren inhaltliche Konkordanz erstmal bewiesen werden müsste. Eine der stärksten aktuellen Arbeiten, Mai-Thu Perrets ‹An Evening of the Book›, 2007, geht in ihrer Nähe zu Bauhaus und Konstruktivismus unter, Olafur Eliassons schönes Video ‹Movement microscope›, 2011, sieht sich auf minimalistischen Konzepttanz reduziert.
Der schwerste Fauxpas von ‹Danser sa vie› aber ist die Trennung in Expressionismus und Konstruktivismus: Nach Lesart des Pompidou geht ersterer mit Protagonisten wie Rudolf Laban im Faschismus auf. Konstruktivismus und Abstraktion aber finden unbeschadet ihren Weg in die Nachkriegsmoderne. Eine skandalös verkürzende Behauptung, die sogar jene schockieren muss, die nicht mehr vom französischen Nationalmuseum für moderne Kunst erwarten, als einen Haufen toller Meisterwerke. Das ist zu wenig, und wird auch nicht durch ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm aufgefangen. Um begreiflich zu machen, was den Tanz in der Kunst bewegt, muss man seine Darstellung problematisieren können.

Bis: 26.02.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Danser sa vie [23.11.11-02.04.12]
Institutionen Centre Pompidou [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120109130622AD1-15
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.