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Besprechung
1/2.2012


Niklaus Oberholzer :  Vor 200 Jahren wurde Melchior Paul von Deschwanden in Stans geboren. Er wurde 70 Jahre alt und war produktiv wie kaum ein Zweiter: 1600 Ölbilder soll er geschaffen haben, meist für katholische Kirchen, und viele 100 Zeichnungen und Skizzen. Das Nidwaldner Museum zeigt zu seinen Bildern auch Zeitgenössisches.


Stans : Deschwanden und Kunst von heute


  
Melchior Paul von Deschwanden · Lederkassette mit Samt ausgekleidet, Ottilia von Deschwanden und Christkind, Ölbilder, undatiert, 18 x 16 x 3 cm, Nidwaldner Museum


Er ist eher ein religionssoziologisches als ein künstlerisches Thema. Sein schnell gemaltes Werk reicht in malerischer Qualität und intellektueller Hintergrundarbeit nicht annähernd an die Nazarener, die er verehrte: Melchior Paul von Deschwandens rotwangigen geschlechtslosen Heiligen, die gelangweilt aus einem elysischen Himmel auf uns Erdenbürger blicken, haben rechtens kein Gastrecht in den Galerien des 19. Jahrhunderts. Wenn schon - und dagegen ist nichts einzuwenden -
finden wir sie als Kuriosität in Museumsabteilungen zum Thema Volksfrömmigkeit. Das Nidwaldner Museum konnte es sich wohl kaum leisten, Deschwandens 200. Geburtstag zu übergehen. Allerdings wollten die Museumsleiterin Nathalie Unternährer und die Kuratorin Isabelle Roth seine Werke, die sich in den eigenen Kellern stapeln, nicht einfach aufreihen, sie aber auch nicht mit schulmeisterlichen Kommentaren begleiten. Und so begann die Suche nach künstlerischen Äusserungen unserer Tage, die sich entweder (und das ist selten) direkt auf Deschwanden beziehen oder die (das ist die Mehrheit) vergleichbare Fragestellungen angehen.
Jos Naepflin setzt einen nüchternen und auch leicht sarkastischen Kontrapunkt zu Deschwandens blässlicher Darstellung der Heiligen Familie. Thaïs Odermatts und Carlos Isabels Video zeigt eine hübsche junge Frau von heute, um deren Kopf neun Sterne tanzen und aus deren Augen und Nase Blut fliesst. ‹Madonna?› lautet schlicht der Titel. In Marlies Pekareks ‹Klosterladen› voller Devotionalien türmen sich Madonnen aus kitschig eingefärbter Glyzerinseife, viele davon Deschwandens Madonnen nachgebildet. Das kann an die Grenze zwischen Kunst und Kommerz oder zwischen Religiosität und Gefühlsduselei rühren. Warum Seife? Es könnte auch Marzipan oder Kosmetika sein. Ein Raum vereinigt drei Grablegungen Christi: Deschwanden bedient sich traditioneller ikonographischer Muster, was auch Christian Kathriner tut, der einige Obwaldner von heute kostümierte, schminkte, zum Grablegungsbild arrangierte und schliesslich fotografierte. Die Arbeit ist Teil eines grossen Kreuzwegs, der zwischen Reflexion über ein bedeutendes Thema christlicher Kunst und (leiser) Ironisierung von Oberammergauer Passionsspiel-Folklore pendelt. Der dritte Beitrag zum Thema Grablegung gemahnt an eine Leichenschauhaus-Situation und stammt vom Deutschen Alfred Grimm, der auch in den anderen Arbeiten den Weg der Provokation wählt und so für einen mitunter allzu plakativen Kontrast zu Deschwandens Zuckerwatte sorgt. Mit schönem Lesebuch.

Bis: 26.02.2012



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Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Melchior Paul von Deschwanden [13.11.11-26.02.12]
Institutionen Winkelriedhaus/Pavillon [Stans/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Melchior Paul von Deschwanden
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