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Besprechung
1/2.2012


Dominique von Burg :  Vom strammen Männerclub der Zürcher Konkreten hebt sich Nelly Rudin mit ihrer spielerischen Art eigenständig und erfinderisch ab. In den letzten zehn Jahren hat sie ihr Werk zugespitzt und ihm in einer bis ins Letztmögliche vereinfachten Bildsprache Eleganz und Leichtigkeit verliehen.


Zürich : Nelly Rudin, ‹Open Space›


  
Nelly Rudin · no. 162, 1971 (1966), Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm


Sie habe die Zürcher Konkreten «ein bisschen aufgeweicht», äusserte Nelly Rudin (*1928) anlässlich der Pressekonferenz. Sie knackte die ideologische Festung, indem sie Acrylglasobjekte bemalte und freistellte, ihre Kompositionen auf Aluminiumrahmen verlegte und Kaleidoskope herstellte. Ihr konsequentes Vordringen in den Raum resultiert in der neuen, sternförmigen, begehbaren Installation. Diese nimmt fast die ganze Eingangshalle ein und zeigt sich beim Umkreisen in einem sich stets verändernden, farbigen Licht. Die an den Wänden positionierten Winkelobjekte veranschaulichen den Übergang von der Fläche in den Raum. Indem die Schenkel teilweise in den Primärfarben lackiert sind, projizieren die Farben schimmernde Lichtreflexe auf die Wände. Nachdem das Haus Konstruktiv vor elf Jahren, noch an seinem alten Domizil, Nelly Rudin mit einer retrospektiv angelegten Schau gewürdigt hatte, werfen nun die bisher entstandenen Arbeiten ein neues Licht auf ihr gesamtes Œuvre. Dabei kristallisiert sich heraus, dass Rudin mit dem Potential der Zürcher Konkreten in stringenter Systematik eine ganz eigene Sprache mit verblüffenden Bildlösungen entwickelte, sich von jeglichen Vorbildern emanzipierte und einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der konkreten Kunst leistete.
Ihre Tätigkeit als Visuelle Gestalterin für diverse Grafik- und Werbeateliers in Basel und Zürich gab Nelly Rudin 1964 auf, um nur noch künstlerisch zu arbeiten. Dies tat sie zunächst im Rahmen der Gesetzmässigkeiten der Zürcher Konkreten. Es entstanden stark geometrische, flächig wirkende, schwarzweisse oder grauschwarzweis­se Kompositionen und in den frühen Siebzigerjahren Bogen-Kompositions-Bilder und Siebdruckserien. Ab 1976 wird das Vordringen ins Räumliche ein Hauptanliegen. Rudin untersucht den Bezug von Bild und Randzone neu und konzentriert sich auf den Rahmen als Bildfläche. Damit wertet sie die Seitenflächen als Träger des eigentlichen Bildgeschehens auf, und dort, wo gemeinhin das Bild war, ist nun Leere. Auch bei den Acrylglasobjekten richtet sich der Fokus auf die farbig hervorgehobenen Objektränder und -kanten. Hier wie dort wird das Bildhafte von der Wand in den Raum transportiert. Damit ist es Rudin nicht nur gelungen, das geometrische Formenvokabular aus dem starren Korsett zu lösen und ungewohnte Durchsichten und Freiräume zu formulieren, sondern auch mit der Leere und den Randzonen als Übergangszonen eine philosophische Dimension zu erschliessen.

Bis: 29.01.2012



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Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Harry Fränkel, Nelly Rudin [24.11.11-29.01.12]
Video Video
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Nelly Rudin
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