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1/2.2012




Glarus : Neil Beloufa


von: Stefan Wagner

  
links: Neil Beloufa · Tectonique 3, 2011, Kunsthaus Glarus
rechts: Neil Beloufa · Topics Values, 2011, Kunsthaus Glarus


Es ist eine eigentümliche Knallerei, die einem erst ins Mark fährt und von dort aus in den Ohren als Endlosschleife hängen bleibt. Verursacht wird die Wiederkehr der Töne durch ‹Tectonique 3›, 2010, eine Assemblage mit Videoskulpturen, in der sich eine mit künstlichem Gras belegte Fläche erhebt, um anschlies­send mit Getöse in sich zusammenzufallen. Dieser Bewegungszyklus belegt das gesamte Kunsthaus Glarus mit einem bedrohlichen Klangteppich. Der in Paris lebende Neil Beloufa (*1985) könnte damit auf die tektonischen Faltungen und Verwerfungen anspielen, der berühmten und von der UNESCO unter Schutz gestellten Glarner Hauptüberschiebung. Im weitesten Sinn würde er damit ein abstraktes Re-Enactement geologischer Vorgänge entwerfen, das sich aufgrund der langwierigen Entstehungsprozesse nie bebildern lässt, weil es den zeitlichen Horizont der Menschheit überschreitet.
Die Verschränkung von Zukunft mit der Gegenwart ist Teil der künstlerischen Strategie, der Beloufa in seiner Einzelausstellung ‹Topics Values› nachgeht. Bekannt geworden ist er massgeblich durch seinen Film ‹Kempinski›, 2007, einem inszenierten Dokumentarfilm. Darin befragte er Menschen in Mali nach der Zukunft. Die Erzählungen der Darstellenden wirken entrückt, weil deren Rede im Präsens anstatt im Futur gehalten ist. Die Zukunftsvisionen handeln eigentümlich von Tieren und Technik, zeichnen einen verklärten, verwirrenden Animismus. In einer weiteren Videoprojektion zeigt er die paradiesischen Landschaften einer ‹Gated Comunity› in Vancouver, in denen man sich vierundzwanzig Stunden unablässig unterhalten kann. «Talking Heads» erzählen von unbeschwerten emotionalen Konsumerfahrungen. Tragisch ist dabei, dass sich das Konsumdenken auf die zwischenmenschlichen Beziehungen ausdehnt. Freundschaft wird zum strategischen Verkaufsargument, wenn es darum geht, Wein anzupreisen. Das ist bestes relationales Marketing. Der Lebensmittelpunkt der Menschen in dieser Comunity reduziert sich folglich auf reine Vorteilswirtschaft. Beloufa kondensiert dies mit seinem Film mitunter sarkastisch bis zynisch, sodass sich die paradiesischen Konsummöglichkeiten in Konsumhöllen verwandeln.

Bis: 22.01.2012



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Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Annette Amberg, Neil Beloufa [13.11.11-22.01.12]
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Neil Beloufa
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