Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
1/2.2012




Lausanne : BLACKSTOCK


von: Matthias Sohr

  
Gregory Blackstock · The Ravens, 2009, Bleistift, Marker, Fettkreide und Farbstift, 135 x 46 cm. Foto: Olivier Laffely


Künstler sind Marken. Zum einen, wenn sie so drollig und verschroben daherkommen wie Gregory L. Blackstock. Zum anderen, weil es sich einfach besser einprägt, wenn eine Ausstellung in Grossbuchstaben titelt. BLACKSTOCK in der Collection de l'art brut Lausanne zeigt vornehmlich Zeichnungen von Tieren, Pflanzen, Maschinen und Werkzeugen, die der in Seattle geborene Gregory Blackstock (*1946) zu Seiten zusammenfasst, die in ihrer Grösse den Atlanten seit dem 16. Jahrhundert in nichts nachstehen. Jenen Grossformaten also, die auch im Bild alle Variationen des Seins enzyklopädisch nebeneinander versammeln sollten. Lorraine Daston und Peter Galison versuchen in ihrem Buch ‹Objektivität› herauszustellen, inwiefern die Epochen wissenschaftlicher Repräsentationsformen in Atlanten immer nur als durch ihre Zeichner und Techniker vermittelte möglich waren. Im Zeitgenössischen bedeutet das «Künstlerische» in Blackstocks Werk jedoch höchstens noch sein «re-engineering» von Geschichte: dass er zwar detailgetreu abzeichnet, aber immer erst unter Bedingungen der Fotografie, die ihm das Pausen nahelegt und die Vorlage zum Ausmalen gibt. Damit kein Zweifel herrscht, wovon hier die Rede sei, etikettiert Gregory Blackstock seine Zeichnungen in seiner Muttersprache genauestens.
Eine in der Princeton Architectural Press erschienene Veröffentlichung zu Gregory Blackstock übt sich ganz amerikanisch in political correctness, wenn die Labels «neurotypisch», «neurountypisch» oder gar «savant syndrome» heissen. Der Lausanner Begleittext von BLACKSTOCK dagegen nimmt spätestens im dritten Abschnitt kein Blatt vor den Mund: «L'auteur d'Art Brut américain est autiste.»
Der Blick fällt auf Blickvermeidung, das Suchspiel beginnt. Zeichnet Gregory Blackstock Gesichter? Auf nachgezeichneten Notenheften, die ebenfalls zu Blackstocks Repertoire gehören, finden sich nur eine Mickey Mouse sowie drei collagierte und toupierte Frauenköpfe, ein Song-Repertoire aus «besseren» Zeiten der USA. Ein von Blackstocks eigener Hand gezeichneter Männerkopf lässt sich nur unter den Knallkörpern und Sirenen von ‹The Noisemakers›, 2005, ausmachen. Natürlich ist auch er untertitelt, «Loud Filthy-Mouth Offender, the Overemotional Dirtbag!» liest es sich, wo sonst trocken auch «Chainsaw» oder «Blizzard» steht. Schön, dass die Collection de l'art brut uns auch eine Art Vorstudie zum männlichen «offender» gönnt, noch dazu in Form eines Thesaurus, ein Werkzeug Blackstocks. Ein Thesaurus mit Schlagworten, die «vulgar, beastly, ignoble, offensive, mean, abusive, maleficent, profane, unpopular, profanity, cruel» und «infamous» lauten, hat noch jeder gebrauchen können.

Bis: 19.02.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2012
Ausstellungen Gregory L. Blackstock [30.09.11-19.02.12]
Institutionen Collection de l'Art Brut [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Matthias Sohr
Künstler/in Gregory L. Blackstock
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120109134954LWA-29
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.