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Fokus
3.2012


 Tobias Madison zaehlt zu den Shooting Stars der jungen Schweizer Kunstszene. Seine Arbeiten waren bereits im Kunstverein Muenchen, im Haus Konstruktiv Zuerich und im Swiss Institut New York in viel beachteten Einzelausstellungen zu sehen. Jetzt ueberrascht er in den haubrok shows in Berlin sowie zwei weiteren Ausstellungen in der Schweiz. Ein so intelligentes wie subtil kritisches Umgehen mit den Strukturen unseres globalisierten Kunstsystems begruendet die Qualitaet seiner Kunst ebenso wie sein spielerisch-kooperatives Agieren mit unterschiedlichen Medien wie Skulptur, Installation, Text und bewegtem sowie unbewegtem Bild.


Tobias Madison - Yes they can


von: Raimar Stange

  
links: Do It To Do It, 2011, Installationsansicht Kunstverein München. Foto: U. Gebert
rechts: Tobias Madison und Kaspar Müller · Bora Bora Structure Los Angeles, 2011, Bambus, Kletterseil, Karabiner, Gummibälle, Eisenteile, Dimensionen variabel, Courtesy Karma International und Francesca Pia, Zürich. Foto: Joshua White


Junge Künstler wie Tobias Madison, geboren in den Achtzigerjahren, wurden in Zeiten der Postmoderne mitsamt ihren neoliberalen Strukturen, virtuellen Netzwerken und globalisierten Verhältnissen sozialisiert. Diese Künstler und Künstlerinnen wissen, wenn sie gut sind, genau, dass die Politik und die ökonomischen Aktivitäten der Global Players mehr als nur den Rahmen abgeben für ihre «eigene» Kunst, die so schnell nicht mehr ihre eigene ist. Sie wissen aber auch, wie auf diese prekäre Situation zu reagieren ist, wie sich Kunst und andere kulturelle Bereiche einen Freiraum erhalten können, ohne die (a)sozialen Zwänge, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind, zu verschweigen. Tobias Madison hat dafür Strategien entwickelt, die hier zunächst kurz zusammengefasst und anschliessend am Beispiel einzelner ästhetischer Aktivitäten konkretisiert werden.

Friendly Take-over
Auffallend ist da zunächst, dass Madison fast immer gemeinsam mit anderen arbeitet. Kooperativ agierend oder auch als Kollektiv, wie in dem Basler Off Space New Jerseyy (gemeinsam mit Daniel Baumann, Emanuel Rossetti und Dan Solbach), entgeht er der Vereinzelung, die sonst in unserer neoliberalen «Event-Gesellschaft» (Zygmunt Baumann) den Ton angibt. Diesen multiplen Autorenschaften, die immer wieder auch bereits bestehende künstlerische Formulierungen fortschreiben, gelingt es, sich in vorgegebenen Strukturen einzunisten, sei es in die «Unternehmenskultur» eines Global Players oder in die jeweilige Programmatik ausgewählter White Cubes. Dieses geschieht mal klammheimlich, überraschend und auch schon mal als durchaus strafbare Piraterie, oder aber als wohl kalkuliertes «Friendly Take-over», das im gegenseitigen Einverständnis vonstatten geht.
Die dabei anfallende Produktion ist eine, die statt auf die Monopolstellung des nur einen Mediums auf eine ästhetische Diversifikation setzt, die den Künstler nicht nur unterschiedliche Genres wie etwa Skulptur und Video, von Computerprogrammen unterstützte Malerei, Hörstücke und Projektion nutzen lässt, sondern ihm auch ermöglicht, unterschiedliche Funktionen auszufüllen, wie beispielsweise als Mitbegründer des Ettore Sottsass Museums, als Verleger (beides mit Emanuel Rossetti und Martin Jaeggi) oder als Kinobetreiber von APNews, eines «artist-run cinema» in Zürich Wipkingen (zusammen mit Fatuma Osman).
Last but not least bewegen sich die von Madison und Co. auf dem öffentlichen Markt des Kunstbetriebes präsentierten Artefakte meistens bewusst an der Grenze des sogenannten «schlechten Geschmacks». Da sie zudem oftmals prozessual angelegt sind, also tendenziell den Moment des fertigen Werkes verweigern, erschweren sie zunächst ihre Verkäuflichkeit, um dann jedoch umso überzeugender auf dem globalen Kunstmarkt agieren zu können.
Die Hotelkette ‹Radisson› - man beachte die phonetische Nähe zum Nachnamen des jungen Künstlers - ist ein Global Player, der schon recht früh, genauer, seit Ende der Siebzigerjahre, seine Marketingstrategie auf die Servicequalität seiner internationalen Hotelkette konzentriert hat. Mit ihrem geschützten Slogan «Yes I can», der bekanntlich später von Barack Obama prominent variiert wurde, betont ‹Radisson› eben diesen Aspekt - den Madison dann quasi als Markenzeichen für seine eigene künstlerische Arbeit ver/wendet. Dazu entwendet er immer wieder Flaggen der Hotelkette, auf dem besagter Slogan zu lesen ist, und reicht sie dann weiter an Künstlerkollegen wie Matthias Faldbakken, Alain Jenny oder John Tremblay. Diese wiederum nutzen die Flaggen als Grund, im doppelten Sinne des Wortes, für ein Kunstwerk und bemalen sie mehr oder weniger expressiv.
Die Corporate Identity eines Unternehmens bildet so die Basis für die Arbeit von Madison und seiner Mitstreiter. Was jedoch nicht unbedingt bedeutet, dass dieses Unternehmen auch die Regeln der künstlerischen Arbeit bestimmt. Stattdessen tritt in der Werkgruppe ein «Culture Jamming» auf den Plan, ein selbstbewusstes Umschreiben vorgefundener Zeichen, dem es in der Tradition des situationistischen «Umfunktionierens» gelingt, kritische Fragen über den Status quo aktueller Kunstproduktion zu stellen, nämlich vor allem die nach der Autonomie von ästhetischer Artikulation. Einerseits legt das Entwenden der Flaggen den Fokus auf die Möglichkeit, sich an das ökonomische System subversiv anzudocken, um sich so doch selbst behaupten zu können. Andererseits betont das Bemalen der Flaggen und die damit verbundene Aufwertung des banalen Alltagsobjektes durch künstlerische Handarbeit, dass Kunst selbst längst ein Betriebssystem ist, das immer mehr auf Wertsteigerung und Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Kunst erscheint mit diesen «Yes I can»-Flaggen als Kritik an der herrschenden Ökonomie und gleichzeitig als ein profitabler und integrativer Teil davon.

Soziale Netzwerke
In seiner Einzelausstellung im Kunstverein München 2010 zeigte Madison u.a. vitrinenartige Stelen, deren Erscheinung irgendwo zwischen schickem Display, steriler Minimal Art und exotischem Blumengeschäft angesiedelt ist. Bei genauerem Hinsehen erkannte man in den Stelen, hinter dem farblich getönten Glas, künstliche Blumen. So erinnern diese hybriden Arbeiten an Aquarien genauso wie an Passagen aus Joris-Karl Huysmans Roman ‹Gegen den Strich›, 1884, an Kunst von Larry Bell oder Isa Gensken ebenso wie an billige Schaufensterdekorationen.
Genau diese bestimmte Unbestimmtheit zeichnen Madisons Skulpturen und Installationen immer wieder aus. Geschickt entziehen sie sich so einen Moment lang einer eindeutigen Zuordnung - die durch ihre Präsentation im White Cube dann aber doch geleistet wird: Hier handelt es sich um Kunst, genauer: Um Kunst, die längst nicht mehr gültige Grenzen, wie die zwischen High and Low, zwischen Artefakt und Alltagsgegenstand noch einmal zitiert, um deren Leugnung dann spielerisch im Kunstbetrieb einsetzen zu können.
Die prompt von einem Sammler aus der Münchner Ausstellung heraus gekauften Mixed-Media-Stelen sind jetzt in der Präsentation ‹Tobias Madison - Fatuma Osman› im Berliner Ausstellungsraum haubrok shows zu sehen. Nun sind sie - Madisons Arbeit ist oftmals prozessual angelegt - mit «kleiderartigen» Textilien behängt, die der Künstler gemeinsam mit Simon Burgunder entworfen hat. Flugs verändert sich ihr Charakter grundlegend, plötzlich stehen die Stelen ein für ein raumfüllendes Porträt möglicher sozialer Beziehungen. Da findet sich beispielsweise eine der bekleideten Skulpturen alleine in einem Seitenraum des White Cube, im Dunkeln und eher trostlos u.a. mit einem piefigen Lampenschirm dekoriert. So fungiert diese Stele gleichsam als Aussenseiter in diesem Ensemble, während zwei mitten im Ausstellungsraum sich gegenüberstehende Stelen sich offensichtlich im Dialog befinden. Auch vielsagende Titel wie ‹DARKSIDE - Don't give me a silent treatment›, 2011, deuten die «geschwätzige» Dimension dieser jetzt narrativ aufgeladenen, einstmals als Minimal Art in das Kunstleben getretenen Skulpturen an. Und so schleicht sich dann doch noch ein subtil kritisches Moment in diese Präsentation von Sammlerobjekten ein, und zwar dadurch, dass die sonst eigentlich immer in den haubrok shows vorherrschende, eher minimalistisch-konzeptionelle, «coole» Ästhetik so charmant wie frech von Tobias Madison mit fast schon schrillen Messages unterlaufen wird. Raimar Stange (*1960, Hannover) ist «freier» Kritiker und Kurator in Berlin.

Bis: 17.03.2012


Tobias Madison (*1985, Basel) lebt in Zürich und Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2009 ‹Yes I can›, Cardenas Beilanger, Paris
2010 ‹Drawings›, Haus Konstruktiv, Zürich; ‹DO IT DO IT›, Kunstverein München, München; ‹That Leaf! That Mushroom! That Palm Tree!› (mit Ida Ekblad), Karma International, Zürich
2011 ‹Tongewölbe›, T25, Ingolstadt
2012 haubrok shows, Berlin; Tomorrow Gallery, Toronto; The Power Station, Dallas

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2008 ‹The last panda just died›, The Ettore Sotsass Museum, Zürich
2009 ‹Video Presentation›, Centre Georges Pompidou, Paris
2010 ‹Regionale›, Kunsthalle Basel
2011 ‹Vermessung der Welt›, Kunsthaus Graz
2012 Kunsthalle Bern



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Tobias Madison [09.02.12-17.03.12]
Ausstellungen Tobias Madison, Fatuma Osman [14.01.12-17.03.12]
Ausstellungen Ruedi Bechtler and friends [11.02.12-10.03.12]
Institutionen Karma International [Zürich/Schweiz]
Institutionen haubrokprojects [Berlin/Deutschland]
Institutionen Galerie Tuchamid [Klosters/Schweiz]
Autor/in Raimar Stange
Künstler/in Tobias Madison
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