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Fokus
3.2012


 Eine Demo! Gleich eingangs des Kunstvereins ein Banner, auf dem in dicken Lettern eine Gretchenfrage prangt: «Ausstellen oder Eingreifen?» Und darunter der Aufruf, endlich das kreative Potential der Gesellschaft gemeinsam auszuschöpfen. Eine Demo für die Kunst?


Demonstrationen - Vom Werden normativer Ordnungen


von: Verena Kuni

  
links: Sandra Schäfer · The Making of a Demonstration, 2004, Filmstill © ProLitteris
rechts: Johann Georg Funck, Michael Rössler · Die Huldigung der Bürgerschaft auf dem Römerberg, Frankfurt/M, 1742 © Historisches Museum Frankfurt/M


Was mancher, der das Banner am Eröffnungsabend der Ausstellung ‹Demonstrationen› für einen Teil des begleitenden Performance-Programms halten mochte, war indessen ernst gemeinter Protest - von Mitgliedern des Frankfurter Occupy-Camp, die der Schau eine Musealisierung der Bewegung vorwarfen.
Zu Recht? Tatsächlich wird auch im Inneren des Kunstvereins demonstriert. Bilder Protestierender sind jedoch in der Minderzahl. Denn die vom Exzellenzcluster ‹Normative Ordnungen› der Frankfurter Universität initiierte Ausstellung interessiert sich dafür, wie gesellschaftliche Normen entstehen, installiert und demonstriert werden - und dafür, wo und wie Kunst diese Prozesse sichtbar macht.
Anschaulich auf den Punkt gebracht ist dies in ‹Reserved›, 2006: Die Videoinstallation der pakistanischen Künstlerin Bani Abidi führt uns Szenen vor, wie sie zuhauf in den Nachrichtenmedien zu sehen sind: Strassensperren, von Motorradstaffeln eskortierte Limousinen, Fähnchen schwenkende Kinder, ein roter Teppich... Wem all dies gilt, erfahren wir nicht. Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Ob Staatsvisite, Prominentenbesuch oder historische Krönungsbilder - entscheidend sind
die Gesten, die Performance. Das Personal ist austauschbar. Bilder haben nicht nur die Funktion, normative Ordnungen herzustellen und zu kommunizieren. Sie bezeugen auch, wie diese in der Gesellschaft funktionieren. Welche Rolle Kunst hier spielt, ist nicht von vornherein ausgemacht. Sie kann ebenso einen Beitrag zur Befestigung des Bestehenden leisten, wie es hinterfragen. Im besten Fall bietet sie eine Chance, die Mechanismen des Werdens normativer Ordnungen aufzuzeigen und sichtbar zu machen.
Das gelingt der Ausstellung auf vielfältige und intelligente Weise, gerade weil sie historische Bilder mit Gegenwartskunst zusammenbringt. Deshalb geht die Kritik der Occupy-DemonstrantInnen fehl: Das diachrone Miteinander führt nicht zur «Musealisierung», sondern macht musealen Bestand produktiv. Museen haben die Aufgabe, Kultur - die immer auch Zeugnis einer Zeit ist - über diese Zeit hinaus zugänglich zu halten. Sie tragen so zwar dazu bei, normative Ordnungen zu konservieren, können dies auf lange Sicht jedoch nur bedingt. Menschen, Gesellschaften, Normen ändern sich. Daraus entwickeln Museen - und die darin bewahrten Bilder - erst ihr eigentliches Potential: Sie geben uns die Möglichkeit, aus Geschichte zu lernen. Verena Kuni, Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlerin.

Bis: 25.03.2012


Katalog im Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg, 2012



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Ausgabe 3  2012
Institutionen Frankfurter Kunstverein [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
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