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Fokus
3.2012


 C'est la vie: Während das Landesmuseum die jüngere Geschichte der Schweiz anhand von ikonischen Pressefotografien aus zwei Archiven rekapituliert, richtet das Aargauer Kunsthaus in der Ausstellung ‹Blick› einen künstlerisch subjektiven Blick auf das Pressearchiv des Ringier-Verlags.


Pressebilder - Tauchen im Archiv


  
links: Lutz & Guggisberg · Höhlenforscher (Videostill), 2012, Video, 7'35”, Schnitt: Mich Hertig, Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau © ProLitteris. Foto: David Aebi
rechts: Georg Gatsas · Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau, 2012. Foto: David Aebi


In den Achtzigerjahren ist niemand mehr wirklich zu Hause. Buchstäblich. Der St. Galler Künstler Georg Gatsas hat dem Jahrzehnt der aus heutiger Sicht grösstmöglichen Geschmacksentgleisungen im Untergeschoss des Aargauer Kunsthauses zwar ein Zimmer eingerichtet. Inklusive herumliegender VHS-Kassetten und beleuchtet von Lampen, die wie Papageien aussehen. Aber es wird schnell klar, dass hier niemand mehr wohnt - oder auch nur wohnen will. Zu überspitzt die Inszenierung, zu hergerichtet das Interieur.
Allerdings: Auch die Innenarchitekturen, in denen sich Prominente in den Achtzigern in der ‹Schweizer Illustrierten› inszeniert haben - und auch heute noch inszenieren - sehen oft so aus, als ob man es darin keine Minute aushalten würde. «Das war ein Aspekt, der mir im Ringier-Archiv aufgefallen ist und den ich mit meinem Achtziger-Raum aufnehmen wollte», erklärt Gatsas (*1978). Er ist einer von fünf Künstlerinnen und Künstlern, die von der Kunsthausleiterin Madeleine Schuppli eingeladen wurden, ins Archiv des Schweizer Medienunternehmens Ringier einzutauchen und daraus für die Ausstellung ‹Blick› Werke abzuleiten. Ringier hatte das rund sieben Millionen Analogabzüge und Dias umfassende Kompendium 2009 dem Kanton Aargau geschenkt.

Glanzvoll und geschmacklos
Gatsas ist bei den Streifzügen durchs Archiv immer an der Farbigkeit und dem Neonkitsch der Achtzigerjahre hängengeblieben. «Es war mir bald klar, dass ich mich im Rahmen der Ausstellung mit Bildmaterial aus diesem Jahrzehnt beschäftigen wollte. Schliesslich ist auch die titelgebende Tageszeitung ‹Blick› in dieser Zeit gross geworden», so Gatsas. Die vergrösserten Abzüge von glanzvollen Bademode-Shootings oder schwarzen Lederhandschuhen hängen nun als schreiende Poster an den farbigen Wänden. Auf erklärende Texte oder nur schon Bildlegenden verzichtet Gatsas komplett.
Damit unterscheidet sich sein Eighties-Raum von der Präsentation von Pressebildern aus den Achtzigern in der Ausstellung ‹C'est la vie› im Zürcher Landesmuseum. Manche Bilder sind dort zwar auch vergrössert und auf Leuchtkästen montiert, dienen aber immer nur der Illustration eines Begleittexts, beziehungsweise einer historischen Begebenheit. Gatsas hingegen, eigentlich ein Spezialist für fotografische Szenenporträts, gibt den Achtzigern mittels der Ringier-Bilder ein Gesicht, aber keinen Namen.
Während im Landesmuseum historische ‹Maisons démontables› von Jean Prouvé (1901-1984) den Parcours gliedern, entpuppt sich Gatsas Zimmer selbst als ‹Chambre démontable›: Als Raum, in dem die Achtziger ebenso überinszeniert wie demontiert werden. Gatsas orientiert sich zwar als Künstler an den Zeigemethoden eines historischen Hauses wie des Landesmuseums. Die Widersprüche und Besonderheiten der in den Achtzigern angewandten Bildsprache werden aber nicht wegerklärt. Statt Zeitgeschichte wird hier Zeitgeist erlebbar gemacht. Wie auch für die anderen Künstlerinnen und Künstler, die in Aarau geforscht und geforstet haben, gilt hier: Statt Historie interessieren Historien.

Jeder findet nur sich selbst
Ähnlich reingekniet wie Gatsas hat sich auch das Künstlerduo Lutz & Guggisberg (*1968, *1966) im Raum nebenan. Allerdings weniger vom Materialaufwand her, als vielmehr ganz buchstäblich: Die beiden klettern für ein Video wie Bergsteiger im Ringier-Archiv umher, bis einer zum Archiveintrag «Höhlen» gelangt - und ganz überraschend ein Foto von sich selbst findet. Und sucht man nicht in jedem Archiv - oder bei Google - immer mal wieder auch seinen eigenen Namen, also sich selbst?
«In einem Archiv finden wir nur, was wir finden wollen. Aber nie das, was wir gesucht haben», formuliert es Hans Peter Litscher (*1955). Und: «Ein Archiv ist nie eine Einbahnstrasse!» Litscher hat nicht nur bereits bei früheren Projekten mit dem Ringier-Archiv gearbeitet, auch sein künstlerischer Ansatz prädestiniert ihn zur Teilnahme an der ‹Blick›-Schau: «Ich erzähle Geschichten, die man nicht mehr - oder noch nicht - erzählt».
Die Story, die Litscher in Aarau erzählt, ist teilweise von ihm selbst erfunden. Jedenfalls kommt darin Abraham Guggenheim vor, ein Mitglied der weltberühmten Guggenheim-Familie mit Ausstellungshäusern in New York, Venedig, Bilbao. Und vielleicht bald Lengnau: Abraham stahl jedenfalls viel Material aus dem Archiv, mit dem Ziel, einen Grundstock an Geschichte/n zur Familie Guggenheim - die ursprünglich aus dem aargauischen Lengnau stammt - zusammenzubekommen, um damit ein geplantes Guggenheim-Museum in Lengnau zu bestücken. Architekt ist natürlich niemand Geringeres als Stararchitekt Daniel Libeskind. Das Archivmaterial, das mit Akten und Fotografien aus diversen anderen Archiven ergänzt wurde, zeigt Litscher in klassischen Museumsvitrinen.

Der Durst nach Geschichte
Doch wie bei Gatsas ist auch hier die Ähnlichkeit mit den Displays im Landesmuseum nur eine vermeintliche. Während in Zürich etwa mit einer Fotografie an Jean Nouvels Monolithen, der während der Expo.02 im Murtensee schwamm, erinnert wird, wird hier das Guggenheim Lengnau mittels eines Modells herbeifantasiert. Statt Geschichte - im Singular - anhand von Pressefotografien darzustellen, erzählt Litscher mögliche Geschichten und Nebengeschichten. Doch ist nicht die Geschichte, die im Landesmuseum erzählt wird, ebenso nur eine von vielen möglichen, auch wenn sie eine bestimmte - die «offizielle» - Perspektive vertritt?
Gerade in jüngster Zeit - Stichwort Hildebrand-Affäre - hat sich einmal mehr gezeigt, dass die Presse Geschichten oft einfach mal ausprobiert. Bevor sich dann herausstellt, dass sie mit der tatsächlichen Realität nicht ganz übereinstimmen. Da kann sich auch die titelgebende Zeitung ‹Blick› nicht ausnehmen. Wobei man auch zugeben muss, dass die rasche Verfügbarkeit von Nachrichten im Internet unseren Informationshunger nur noch mehr reizt und uns zu immer ungeduldigeren Leserinnen und Lesern macht.
Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass die Archivbilder, welche die Künstlerin Daniela Keiser (*1963) vor eine mit ‹Blick›-Seiten vollgekleisterte Wand gehängt hat, meist Personen beim Trinken zeigen: Unser Durst nach Informationen wird immer unstillbarer. Und je süsser und bunter der Informationscocktail - wenigstens in den Medien hat Farbigkeit noch Konjunktur -, desto bereitwilliger schlucken wir ihn. Aber nur solange, bis uns etwa die Künstlerinnen und Künstler von ‹Blick› daran hindern: Es ist unter anderem ihnen zu verdanken, dass wir Ausstellungen wie ‹C'est la vie› oder den Inhalt unserer Tageszeitungen nicht einfach bedenkenlos runterstürzen. Sondern gut kauen und entsprechend bewusst verdauen.


Bis: 22.04.2012


Künstlergespräch mit Madeleine Schuppli, Direktorin Aargauer Kunsthaus, mit Apéro, 14.3., 19.30 Uhr; Fachtagung ‹Über den Wert der Fotografie› mit Führungen (Anmeldung erforderlich), 23.3./24.3.



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Blick [28.01.12-22.04.12]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Künstler/in Lutz/Guggisberg
Künstler/in Daniela Keiser
Künstler/in Hans-Peter Litscher
Künstler/in Georg Gatsas
Künstler/in Jean Prouvé
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