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Fokus
3.2012


 Es verändert sich viel in der Schweizer Kulturpolitik. Die im Januar in Kraft tretende erste Kulturbotschaft hat die Aufgaben zwischen Bundesamt für Kultur und Pro Helvetia neu formuliert, ohne eine entsprechende Aufstockung der Mittel. Marianne Burki, Leiterin visuelle Künste bei der Pro Helvetia, erläutert, was das für die Kunstschaffenden bedeutet.


Förderpolitik — «Wir müssen jetzt die Prioritäten richtig setzen»


von: Konrad Tobler

  
Marianne Burki am Preview Day Swiss Photo Award - ewz.selection, Zürich, 2012. Foto: Caroline Nicod


Tobler: Konkret: Welche Aufgaben hat die Pro Helvetia (PH) seit Anfang des Jahres vom Bundesamt für Kultur (BAK) übernommen und welche davon sind neu?

Burki: Die grossen neuen Aufgaben für Pro Helvetia sind die Nachwuchsförderung und die Vermittlung in allen Sparten. Das Kulturförderungsgesetz gibt uns auch die Möglichkeit, Werkbeiträge in den visuellen Künsten zu sprechen, was wir in den anderen Sparten seit längerem tun. Die Projektförderung für Medienkunst, Fotografie und Design wird an Pro Helvetia übertragen, weil das BAK mit dem Kulturförderungsgesetz keine Grundlage für die Projektförderung mehr hat.

Tobler: Neu ist auch, dass die PH die Biennalen übernimmt...

Burki: Richtig, ebenso wie auch die bisher vom BAK betreuten internationalen Buchmessen. Diese Veränderungen beruhen darauf, dass das Kulturfördergesetz die Verantwortung für die Aktivitäten im Ausland ganz der PH übergibt.

Tobler: Biennalen: Das heisst Venedig, São Paulo...

Burki: Es gibt heute nur noch wenige explizite Länderbiennalen, São Paulo beispielsweise hat sich vor kurzer Zeit für eine kuratierte Biennale entschieden und entsprechende Gesuche gelangten bereits an PH. Wir organisieren neu den Schweizer Beitrag für die Kunst- und Architekturbiennalen in Venedig sowie für die Biennale in Kairo.

Tobler: Welche Aufgaben bleiben in den diversen Bereichen also noch beim BAK, um das mal explizit zu klären?

Burki: Das BAK vergibt ab 2012 Preise und Auszeichnungen in allen Sparten, nicht wie bisher nur in den visuellen Künsten und im Design. Da die Nachwuchsförderung nun bei Pro Helvetia ist, hat das BAK die Altersgrenze von 40 Jahren bei den ‹Swiss Art Awards› aufgehoben. Das BAK ist weiter zuständig für den Erhalt von Kulturgut, z.B. mit Jahressubventionen an Museen und Ankäufen für die eidgenössische Kunstsammlung; hier kommen selbstverständlich auch die visuellen Künste zum Zug. Dies als sehr verkürzte Zusammenfassung des vielfältigen Aufgabenspektrums des BAK.

Tobler: Das heisst: Das BAK ist keine Förderinstitution mehr, sondern vergibt Preise. Die Eidgenössischen Stipendien für Kunst und Architektur, die ‹Swiss Art Awards›, wird es in dieser Form nicht mehr geben?

Burki: Ob Preise, Werk- oder Projektbeiträge: All dies sind Massnahmen der Kulturförderung. Preise und Auszeichnungen blicken auf ein bestehendes Werk zurück. Werk- und Projektförderung sind dagegen prospektiv angelegt. Das Kulturförderungsgesetz wollte eine klare Zuteilung der Ebenen. Das Eidgenössische Kunststipendium wurde bereits vor längerer Zeit in die ‹Swiss Art Awards› umbenannt. Und als solche bleiben sie ja auch bestehen.

Tobler: Das Parlament hat die Erhöhung der Mittel für Pro Helvetia abgelehnt, die Pro Helvetia hat aber neue Aufgaben übernommen. Da gibt es eine Diskrepanz – und wohl auch Einschränkungen, sprich: Sparmassnahmen. Wie sehen diese für die visuellen Künste aus?

Burki: Das ist schwierig zu beziffern, weil sich auch die Aufgaben und die Instrumente verändert haben. Klar ist der Fall Biennalen: Da sind CHF 685’000 vom BAK an die visuellen Künste bei Pro Helvetia übergegangen. Hier machen wir keine Abstriche. Für die Förderung der Fotografie und der Medienkunst steht uns mit je CHF 200’000 nur ein Teil der bisherigen Mittel zur Verfügung. Die Nachwuchs- und Werkförderung führen wir gestaffelt ein, entsprechend dem jährlichen Anstieg unseres Finanzrahmens. So werden wir beispielsweise mit den Werkbeiträgen für visuelle Künste ab 2014 beginnen. Im Design haben wir eine Recherche in Auftrag gegeben, um die Bedürfnisse zu klären. Pilote werden wir hier voraussichtlich Ende 2012 starten.

Nachwuchsförderung

Tobler: Nachwuchs, das tönt nach Gärtnerei oder Zucht...

Burki: Als Nachwuchs bezeichnen wir Kunstschaffende während der ersten fünf Jahre nach Abschluss der Ausbildung oder – für Quereinsteiger – nach ihrem ersten professionellen Auftritt. Das Maximalalter ist in jedem Fall 35 Jahre. Wir konzentrieren uns bewusst auf den Erwerb und die Vertiefung der beruflichen Erfahrung und entwickeln unsere Förderinstrumente zusammen mit Partnerinstitutionen, die das Terrain kennen. Dazu gehören beispielsweise Projekträume, Off-Spaces oder Kunsthochschulen. Dies gibt uns Gewähr, dass unsere Massnahmen breit abgestützt sind und den Bedürfnissen der Kunstszene entsprechen.

Tobler: Wer über 35 ist, muss also auf einen Preis des BAK hoffen.

Burki: Das ist eine der Möglichkeiten. Genauso können aber auch Veranstalter bei PH ein Gesuch für Projektbeiträge an Ausstellungen oder für Publikationen einreichen. Ab 2014 steht den Kunstschaffenden auch ein Antrag auf Werkbeiträge offen.

Tobler: Wie geht es weiter mit den ‹Cahiers d’Artistes›, die ja auch eine Form von Nachwuchsförderung bedeuten?

Burki:
Die ‹Cahiers d’Artistes› führen wir weiter, sie sind sicher auch eine Art von Werkförderung. Nach der neuen Definition von Nachwuchs erhielten in den letzten Jahren kaum je «Nachwuchskünstler» in diesem Sinn ein ‹Cahier› zugesprochen – weil es sehr selten ist, dass innerhalb von fünf Jahren ein Werk entwickelt wird, das bereits den Ansprüchen einer umfassenden Monografie entspricht. Die ‹Cahiers› gehören deshalb nicht zur Nachwuchsförderung. Neu schreiben wir sie nur noch alle zwei Jahre aus, um uns den Raum und die Mittel zu geben, neue Aufgaben anzupacken.

Tobler: In der Medienmitteilung der PH von Mitte Januar ist die Rede von der «Zunahme der Mittel». Was heisst das?

Burki: Die Bundesbeiträge werden zwischen 2012 und 2015 jährlich leicht ansteigen von heute CHF 34,3 Mio. auf schliesslich CHF 35,9 Mio. Um Bestehendes nicht zu gefährden, werden wir die bisherigen Aufgaben in allen Sparten möglichst auf gleichem Niveau weiterführen – inklusive die Biennalen – und die neuen Aufgaben parallel zum leichten Anstieg der Bundesbeiträge bis 2015 gestaffelt einführen. In den visuellen Künsten fallen besonders viele neue Aufgaben an, und da wollen wir genau abklären, welches die Bedürfnisse der verschiedenen Bereiche sind.

Fehlende Mittel
Tobler: Merkwürdig erscheint es, dass für die visuelle Kunst, die wohl das beste kulturelle Exportgut der Schweiz ist, durch die neuen Massnahmen insgesamt die Mittel eingeschränkt werden.

Burki: Wenn man die Mittel von PH und BAK für die visuellen Künste gemeinsam betrachtet, sind es weniger. Das BAK wird mit den vorhandenen Mitteln Preise für alle Sparten ausrichten, jedoch keine Preise mehr für Kunsträume, wofür bisher CHF 200’000 aufgewendet wurden. Zudem wurden durch die neue Aufgabenteilung die Gelder für Fotoprojekte von rund CHF 700’000 und für das Projekt ‹Sitemapping› von CHF 750’000 beim BAK gestrichen. PH hat daraus für Fotografie und Medienkunst je CHF 200’000 zusätzlich für die visuellen Künste erhalten. Das Parlament wusste von diesen Themen und hat sich für einen Ausgleich zwischen den Sparten ausgesprochen – ohne zusätzliche Mittel.

Tobler: Gespart wird also u.a. bei Fotografie und Medienkunst: Die PH hat dafür nur noch je CHF 200’000 Franken pro Jahr zur Verfügung. Das macht insgesamt ein Minus von mehr als 1 Million.

Burki: Um die Gesamtrechnung für die visuellen Künste zu machen, müsste man auch die Zahlen des BAK einbeziehen. Zutreffend ist, dass wir die fehlenden Mittel nur teilweise kompensieren können. Einschneidende Auswirkungen hat es insbesondere für die Aufarbeitung von wichtigen fotografischen Nachlässen, in die bisher ein grosser Teil der Projektgelder des BAK geflossen war. Diese Themen werden bei der nächsten Kulturbotschaft diskutiert werden müssen. Die Finanzierung von Nachwuchs, Werkbeiträgen sowie der Designförderung erfolgt bei PH aus zusätzlichen Geldern, welche die visuellen Künste erhalten, sowie aus einer strengeren Handhabung der Förderkriterien etwa für Publikationen oder für Ausstellungen im Ausland. Wir sind im engen Kontakt mit der Szene, um die Prioritäten richtig zu setzen.
Konrad Tobler ist freischaffender Kulturjournalist und Autor in Bern.


Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia Die Stiftung wird vollumfänglich vom Bund finanziert und fördert im Auftrag der Eidgenossenschaft das künstlerische Schaffen und dessen Vermittlung in der Schweiz und im Ausland. Die neue Führungsstruktur umfasst seit Januar 2012: Stiftungsrat (9 Mitglieder)/interdisziplinäre Fachkommission (13 Mitglieder)/unabhängige Expertinnen und Experten (24 Mitglieder). Vertretung der visuellen Kunst Stiftungsrat: Marco Franciolli, Museo Cant. d'Arte Lugano und Stiftungsrat der Fotostiftung Winterthur Fachkommission: Felicity Lunn, Direktorin Centre Pasquart, Biel Unabhängige Expert/innen: Boris Magrini, Zürich/Locarno (bildende Kunst); Sabine Himmelsbach, Basel (Medienkunst); Ulrike Meyer Stump, Zürich (Fotografie Deutschschweiz); tbc (Fotografie franz. Schweiz); Luciano Rigolini, Lugano (Fotografie ital. Schweiz); Franziska Dürr, Aarau (Kunstvermittlung) Kommentar der Redaktion: Die Aufstellung zeigt, dass die bildende Kunst in den beratenden Gremien der wichtigsten staatlichen Kulturstiftung der Schweiz mit einer bzw. drei Stimmen massiv untervertreten ist!



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Ausgabe 3  2012
Autor/in Konrad Tobler
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