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Besprechung
3.2012


Annette Amberg :  In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in Grossbritannien überzeugt der Schweizer Raphael Hefti mit einer Installation, die das Verhältnis von Materialität, Licht und Raum in skulpturalen und fotografischen Arbeiten auslotet. Die spiegelnden Flächen machen sichtbar, was gewöhnlich unsichtbar bleibt.


London : Raphael Hefti, ‹Launching Rockets Never Gets Old›


  
Raphael Hefti · Substraction as Addition, 2011, Glas mit mehrfach beschichteter Antireflexglasbeschichtung, je 2 x 3 m, Installationsansicht Camden Arts Centre, London


Das Camden Arts Centre in London wurde 1897 ursprünglich als Bibliothek erbaut, als Kunstinstitution eröffnete es erst 1965. Raphael Heftis Ausstellung ‹Launching Rockets Never Gets Old› findet im ehemaligen Lesesaal statt, einem grosszügigen Raum mit hohen Fenstern und Parkettboden. Zu sehen sind sieben monumentale farbige Gläser im Hochformat, die in unregelmässigen Abständen an Wänden und vor Fenstern lehnen, sowie drei nebeneinander am Boden liegende, fünf Meter lange Stangen aus gehärtetem Stahl.
In ‹Substraction as Addition›, 2011, wird entspiegeltes Museumsglas, das eigentlich Bilder vor UV-Strahlen schützt, zum Hauptakteur. Hefti experimentierte gemeinsam mit den Glasherstellern am Material und kehrte seine ursprüngliche Funktion in ihr Gegenteil um: Durch Verdoppelung des Glases und Überlagerungen der Beschichtung spiegelt die Oberfläche und bricht das Licht so, dass die Scheiben je nach Lichteinfall eine andere Farbigkeit aufweisen und zwischen transparent und opak variieren. Neben dem Bezug zur Malerei erinnert das perlmuttartige Schimmern der Gläser auch an fehlerhaft belichtete Negativstreifen sowie an deren Emulsion - jene Schicht, die das Licht zu einem fotografischen Bild fixiert. Die spiegelnden Oberflächen halten hier jedoch nichts dauerhaft fest, sondern verweisen auf das komplexe Verhältnis von Bild, Betrachter und Raum. Mit ihrer physischen Präsenz nehmen sie beinahe aggressiv die wohnliche Atmosphäre des viktorianischen Raums ein und wirken selber wie losgelöste architektonische Elemente, etwa von Fassaden postmoderner Bürogebäude. Das Spiel mit industriellen Produktionsfehlern und dem Zufall greift Hefti auch in ‹Replaying the Mistake of a Broken Hammer›, 2011, auf. Die Stahlstangen könnten eine Reminiszenz an Carl Andre sein. Sie sind jedoch durch einen Unterbruch im Härtungsprozess mit einer inneren Spannung aufgeladen, so dass sich mit der Zeit ein Riss durch deren Mitte bildet. Zwei weitere gerahmte «Lycopodium»-Prints betonen Heftis Lust am Experimentieren: In alchemistischer Manier fertigte er in einer selbstgebauten Dunkelkammer Fotogramme von Pflanzensporen an, die abwechselnd wie Mikroskopaufnahmen oder wissenschaftliche Bilder aus dem All erscheinen. Heftis Arbeiten machen deutlich, dass unser Verständnis von Welt von der Menge an Licht definiert wird, welche auf die uns umgebende Materie und auf unsere Netzhaut trifft. Dieses verändert sich ständig, so dass die Dinge um uns herum immer wieder neu verhandelt werden müssen.

Bis: 18.03.2012



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Hanne Darboven, Raphael Hefti [20.01.12-18.03.12]
Institutionen Camden Arts Centre [London/Grossbritannien]
Autor/in Annette Amberg
Künstler/in Hanne Darboven
Künstler/in Raphael Hefti
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