Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
3.2012


Gisela Kuoni :  Kratzen, Summen, Schnurren, lockendes Klingeln: Undefinierbare Töne durchziehen die Räume, und ein roter Lichtschein, ‹Tout sauf rouge›, dringt aus dem Turm der Galerie: Die luxemburgische Künstlerin Su-Mei Tse hat die Galerie Tschudi in der Chesa Madalena in Zuoz in ein lockendes Zauberreich verwandelt.


Zuoz : Su-Mei Tse, ‹Distant Voices›


  
Su-Mei Tse · Trees and Roots, 2010, Installationsansicht Galerie Tschudi Zuoz. Foto: FBM Studio, Zürich


Su-Mei Tse (*1973, Luxemburg) visualisiert Geräusche und verwandelt Bilder in Klang. Zunächst folgt man einem pfeifenden Windhauch und kommt in den offenen Heustall, wo hereingewehter Schnee fünf kahle Bäume - Teil der Serie ‹Trees and Roots›, 2010 - in dicken Erdballen umspielt. Was wie aufgeschossene Bonsai-Pflanzen scheint, sind schimmernde Bronzeskulpturen, die vermeintlichen Erdballen aus demselben Material, mit bronzenen Schnüren zusammengebunden, der Kälte ausgesetzt. Diesen Bäumen begegnet man wieder, auf Fotografien, wo sie in einer endlosen Reihe auf einem einsamen Feld verlassen und zugleich präsent erscheinen. Sind sie gerade ausgegraben, um neu gepflanzt zu werden? Oder werden sie eben eingepflanzt an einem Ort, der nicht von Dauer sein kann? Sind ihre Wurzeln ungeschützt wie die unsrigen? Das intime Ambiente der Galerie, ihre Individualität, empfand Su-Mei Tse als inspirierend, besonders in Bezug auf Fragen nach der Zeit.
Auf einem Plattenspieler kreist eine Platte, zarte weisse Kügelchen kreisen mit. Das Geräusch des kratzenden Tonarms hört man oben im Estrich, ‹White Noise›. Und neben der «Musik»-Quelle hängt 1:1 fotografisch abgenommen die raue Steinwand der Galerie, ‹700 Years›, 2011. Hier ist die Geschichte auf einem grossen Bogen Papier eingefroren, der sich leise bewegt und sein Geheimnis nicht preisgibt.
Den Lauf der Zeit verkörpern auch die Skulpturen ‹Das Ich in der Kartoffel›. Auf fünf unterschiedlichen Podesten steht je eine Gruppe von drei Kartoffeln, scheinbar vergessen nach einem langen Winteraufenthalt im Keller. Bläuliche Keime recken sich wie Arme aus ihrer unversehrten Schale - die Nachbildung in Keramik verblüfft in ihrer Echtheit. Doch was ist überhaupt echt? Sind es die fünf Katzen, die einem lebensgetreu aus fünf Fotografien der Katzenliebhaberin Su-Mei Tse in die Augen schauen? Ihr Schnurren kann man mit Kopfhörern über sich rieseln lassen.
Der Beginn der ‹Goldberg Variationen›, 2009, ist in einer zweiteiligen Skulptur aus Nussbaumholz materialisiert. Klangwellen werden sichtbar und das dunkelschimmernde Holz scheint sich in Töne zu verwandeln. Im Video ‹Dizziness of Life› oder ‹Vertigen de la Vida›, 2011, drehen sich runde weisse Noten an einem rhythmisch kreisenden Klangkarussell und nehmen einen schwungvoll mit auf eine Reise in die Zeitlosigkeit.

Bis: 10.03.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Alan Charlton, Su-Mei Tse [23.12.11-10.03.12]
Institutionen Galerie Tschudi [Zuoz/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Su-Mei Tse
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120224180735P1N-14
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.