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Besprechung
3.2012


Dominique von Burg :  In der Türkei geniesst Yüksel Arslan Star-Status, während er hierzulande nahezu unbekannt ist. In diese Lücke springt nun die Kunsthalle Zürich und zeigt in den historischen Räumen an der Bärengasse über 200 Papierarbeiten - es sind Bildfindungen eines leidenschaftlichen Lesers.


Zürich : Yüksel Arslan, ‹Artures›


  
Yüksel Arslan · General paralysis, 1990, Mischtechnik auf Papier, 39 x 35 cm


Der seit 1962 in Paris lebende Yüksel Arslan (*1933, Istanbul) ist ungeheuer belesen und gebildet. Es gibt wohl kaum einen Philosophen, Literaten, Musiker oder Wissenschaftler, dessen Werk er nicht konsultiert hätte. Das daraus gewonnene Wissen übersetzt er in Bilder, in die er Zitate der Autoren oder eigene Kommentare integriert. Durch die Kombination von Text und Bild ähneln viele Zeichnungen älteren, wissenschaftlich illustrierten Büchern und Klassifizierungen; so wenn Arslan beispielsweise mentale Störungen, Befindlichkeiten oder Gesichter typologisiert. Diese Serien weisen Arslan als grossen Beobachter der Realität aus. Die ethnologischen Studien reflektieren seine Suche nach den Ursprüngen der Welt und der Menschheit. Dabei faszinieren ihn besonders Menschen, die noch im Einklang mit der Natur stehen. Wohl aus diesem Grund leben manche Arbeiten von einer ungebrochenen Ursprünglichkeit; etwa eine archaische Hirtenszene mit Kamelen und einer Reiterin mit Haar wie eine aufgerichtete Pyramide.
Immer wieder hat man den Eindruck, prähistorische Höhlenmalereien vor sich zu haben. Dies hängt vorwiegend damit zusammen, dass Arslan keine industriellen Farben verwendet. Als Folge seiner Überlegungen zu «Art» und «Peinture» hat der Künstler den Werkbegriff «Artures» entwickelt, womit er den Herstellungsprozess seiner eigenen Farben mit alten Methoden bezeichnet. So kombiniert er Rohpigmente aus unterschiedlichsten pflanzlichen Extrakten mit seinem eigenen Speichel, Blut und anderen organischen Materialien wie Honig, Eiweiss und Erde. Dieser Produktionsprozess ist fundamentaler Bestandteil seiner Bildfindungen. Obwohl Arslans Sprache und Kunstbegriff sehr eigen sind, wird zuweilen der Einfluss von islamischen Miniaturen - die traditionellerweise mit Schriften versetzt sind - und von traditionellen türkischen Schattenspielen spürbar. Zahlreiche Blätter wirken sehr surrealistisch, ohne dass sie dem Surrealismus verpflichtet wären. Etwa das Blatt mit dem Konterfei von Friedrich Nietzsche, dessen Kopf sich aus einem Berg aus Krabben, Käfern und Tausendfüsslern herausschält, oder die Serie ‹Le Capital›, welche die Schriften von Karl Marx, Friedrich Engels und Ludwig Feuerbach thematisiert. Eine Reihe von Zeichnungen mit derben Darstellungen von kopulierenden Tieren, Tiermenschen, von Körpern und freigelegten, teilweise ornamentalisierten Organen sind von Erotik durchpulst. Sie scheint Arslans Lebensmotor zu sein, der sein nicht erlahmendes Interesse am Menschen durchpulst.

Bis: 09.04.2012



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Yüksel Arslan [28.01.12-09.04.12]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Yüksel Arslan
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