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Besprechung
3.2012


Dominique von Burg :  Silvie Defraouis neue fotografische Raumcollagen und Spracharbeiten in Neon sind von einer ungebrochenen Frische, Leichtigkeit und Aktualität. Seit Langem reflektiert die Grande Dame der Videokunst die Mechanismen unseres Gedächtnisses sowie die kulturellen und visuellen Wahrnehmungsmuster.


Zürich : Silvie Defraoui, ‹Les Formes du Récit II›


  
links: Silvie Defraoui · Les Formes du Récit II; une comète en hiver, 2012, 40 x 57,5 cm
rechts: Silvie Defraoui · Les Formes du Récit II; Panthère, 2012


Die neuen Fotoarbeiten ‹Les Formes du Récit II› von Silvie Defraoui (*1935, lebt in Vufflens-le-Château und Corbera de Llobregat) fussen auf Projektionen, Erzählungen und sich auflösenden Grössenordnungen. Nach ihrer altbewährten Arbeitsmethode überlagert und beschneidet sie heterogene Bilder, projiziert sie aufeinander und druckt sie schliesslich auf Büttenpapier. Sie arbeitet analog zu unseren Erinnerungsmechanismen, lässt die Projektion von Dias und Videos zum Sinnbild der konstruktiv wirksamen Erinnerung werden, indem sie hinter einem Bild immer andere Bilder, andere Bedeutungen aufscheinen lässt. Defraoui schöpft aus dem medialen Bilderfundus, archiviert, rezipiert und interpretiert Bilder, Objekte und Wörter. Während sie stets das Gedächtnis und die kulturell differenten Konnotationen befragt, fokussiert sie auf die Wirkungsmacht und Verlässlichkeit medialer Bilder- und Informationsströme.
Auf meist alltägliche Gegenstände projiziert Defraoui Videos und Fotografien. In ihren schwebenden Projektionen fühlt man sich in eine Art Assoziationsraum versetzt, in dem man sich selbst reflektiert und wiederfindet. In einer Landschaft mit antiken Ruinen hängt verloren ein übergrosser Plastiksack - oder ist es eine Burka? Ein scheinbar riesiger, gelber, geblümter Fächer ist auf eine schäbige Hinterhausfassade projiziert. Ein überdimensionierter Koffer schwebt vor einer dünn besiedelten Gebirgslandschaft. Etwas Filmisches eignet den Fotografien eines verschneiten privaten Palmengartens an, über den ein Komet hinwegzischt oder - in einer anderen Einstellung - ein Panther eindringt. In jedem Bild lassen sich zwei Blickpunkte orten; schon deshalb finden die einzelnen Bilder zu keiner Synthese. Vielmehr stösst man auf Dinge, die zeitlich, räumlich und kulturell unvereinbar sind und die Arbeiten doppelbödig werden lassen.
Eine mehrfache Perspektive suggerieren auch die leuchtenden Lettern der Neonarbeiten. Die Buchstaben der Begriffe «Echo», «Spirit» und «Movie» stehen senkrecht von der Wand ab und sind nur lesbar, wenn man sie von der Seite her betrachtet. Von rechts sieht man sie seitenverkehrt, frontal wirken sie gänzlich abstrakt. Hier wie dort verändern die Arbeiten die Wahrnehmung der Gegenstände. Sie sind nicht schlüssig lesbar, sondern irritieren durch rätselhafte Momente. Mithin stellt die Künstlerin die eindimensionale Lektüre unserer täglichen Bilderflut infrage und eröffnet ungewohnte Deutungsmöglichkeiten.

Bis: 08.03.2012



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Silvie Defraoui [12.01.12-06.03.12]
Institutionen Susanna Kulli [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Silvie Defraoui
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