Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
3.2012


Raimar Stange :  Kaum eine Berlin Biennale stand bereits im Vorfeld derart im Schussfeld wie die aktuelle, kuratiert von Artur Zmijewski. Das verwundert nicht, denn Zmijewski kritisiert mit seiner Konzeption den herrschenden Kunstbetrieb grundlegend - was dieser allerdings dringend benötigt.


Berlin : Berlin Biennale - Eine Rückbesinnung




«Das engagierte Kunstwerk entzaubert jenes, das nichts will denn da sein, als Fetisch, als müssige Spielerei solcher, welche die drohende Sintflut gerne verschliefen», schreibt Theodor W. Adorno 1962. Die Fetisch-Kunst von heute will mehr als nur da sein, sie will, beispielsweise mit raffinierten Popismen oder konzeptuellen Tricks, vor allem eins: Erfolg im Kunstbetrieb. Engagiert im Sinne von politischem Wirklichkeitsbezug ist zumindest die Kunst nicht, die derzeit auf den unzähligen Kunstmessen, renommierten Biennalen und in vielen Galerien - Berlin hat nach neuesten Zählungen etwa 650 davon! - unsere Gesellschaft bespasst. Angesichts des absehbaren Zusammenbruchs unseres ökologischen und ökonomischen Systems zeichnet sich solche Kunst durch formvollendete Belanglosigkeit aus.
Genau da spielt Artur Zmijewski nicht mit und fordert: «Lasst die Kunst Lösungen für den sozialen und politischen Bereich anbieten! Ich möchte, dass die nächste Biennale Antworten liefert, dass sie künstlerische Sprachen und Strategien benutzt, um für gemeinsame Ziele zu kämpfen.» Von der Kantschen Formel des «interesselosen Wohlempfindens» ist da nichts mehr zu finden, der Kurator setzt stattdessen auf einen «Art-Aktivismus», der sich nicht mit der Ausübung von Kunst der Kunst willen begnügt, sondern ein unbequemes Einmischen einklagt.
Prompt tut sich Berlins Kunstszene schwer. Die Reaktion auf Martin Zets Berlin-Biennale-Vorab-Aktion ‹Deutschland schafft es ab›, spricht da Bände. Zet versucht, möglichst viele Exemplare von Thilo Sarrazins rassistischem Erfolgsbuch ‹Deutschland schafft sich ab› zu sammeln und zu recyclen (- S. 96). Verschiedene Kunstinstitutionen stellten sich für diese von Chantal Mouffe als «demokratische Handlung» bezeichnete Aktion als «Sammelstelle» zur Verfügung - zogen dieses Engagement aber nach der ersten öffentlichen Kritik prompt zurück. Von «Zensurausübung», so Christoph Tannert vom Künstlerhaus Bethanien, war plötzlich die Rede. Da sich der Künstler aber in keinster Weise für ein Verbot der Schrift ausspricht, muss diese Kritik anderes meinen, als sie vorgibt. Sie drückt wohl Berührungsängste mit einer Berlin Biennale aus, die sich mit Hilfe direkter Interventionen endlich auf ihre soziale Verantwortung zurückbesinnt.

Bis: 01.07.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2012
Autor/in Raimar Stange
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120224180735P1N-17
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.