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Besprechung
3.2012


Isabel Zürcher :  In einer ersten Einzelausstellung in der Galerie Gisèle Linder legt Philipp Goldbach sein Interesse am Wechselverhältnis zwischen Schrift und Bild offen. In einer Reihe von Fotografien aus Hörsälen deutscher Universitäten ist er der unsichtbaren Hinterlassenschaft dozierender Philosophen auf der Spur.


Basel : Philipp Goldbach, ‹Fotografien›


  
Philipp Goldbach · Humboldt-Universität zu Berlin, Hauptgebäude, 2009, C-Print/Diasec, 125 x 156,3 cm © ProLitteris


Das breite Pult in einem Hörsaal der Humboldt-Universität Berlin steht wie ein fensterloses Architekturmodell auf dem mit rostrotem Linoleum überzogenen Podest vor der moosig grünen, zweiteiligen Wandtafel. In Greifswald hat der nasse Schwamm wolkige Spuren hinterlassen auf dem dunklen Feld, das möglicherweise vor Jahrzehnten auch vom Staatsrechtler und Philosophen Karl Schmitt beschrieben worden war. Philipp Goldbach (*1978) hält sich ganz an die Tugend der dokumentarischen Fotografie und holt in gleichmässiger Tiefenschärfe jede Kante aus kühler Distanz ins zweidimensionale Bild. Dabei ruft der Künstler mit seinen «Tafelbildern» immer auch Malerei in Erinnerung: Bewölkte Himmel frühneuzeitlicher Landschaften mischen sich in die genannten Kreidespuren. Im Diptychon oder Triptychon der neuzeitlichen Wandtafel erweisen sich die Orte der Lehre als Orte einer Betrachtung, wie die Malerei des Mittelalters sie dem Heiligen vorbehalten hatte. Spröde, ja rissig erscheinen die manchmal mobilen, manchmal fest an der Stirnwand von Universitätszimmern fixierten «Flügelaltäre», auf denen handschriftliche Zeichen und Spuren haften geblieben sind. In ihrer nüchternen Ausstattung erreichen diese Räume der akademischen Lehre kaum je Kultstatus, werden höchstens von einer nostalgischen Aura eingeholt. Der Fotografie hingegen weisen sie eine präzise Rolle zu: Es gilt, etwas zu schauen, was sich eigentlich der Darstellung entzieht: eine «Phänomenologie des Geistes» (G.W.F. Hegel), eine Spurensicherung der Vernunft. Sie fordern das Auge wie die überbelichtete, überdimensionierte Fotoscheibe im Hof der Galerie: ein Licht- und Bildfänger in einem.
In der Serie ‹Phototype (Diatype/Letterphot)› von 2011 zeigt sich der konzeptuelle Zugriff auf bildgenerierende Techniken, der Goldbach in den letzten Jahren an die Wirkungsstätte zahlreicher deutscher Denker geführt hat, vielleicht präziser, wenn auch weniger verführerisch: Der Künstler hat ausgediente Matrizenscheiben gesammelt, um ihre kreisende Typografie je einmal noch wiederzugeben. Jede Scheibe zeigt sich im Fotogramm und als Unikat. Mit dem seriellen Auf- oder Abarbeiten einer ganzen Reihe solcher drucktechnischer Tools kommt die Vervielfachung, der sie im Schriftsatz dienten, zu einem Abschluss. Das Räderwerk der Typografie ist zum Stillstand gekommen, das Bild wird - mehr als die Matrize selbst - zum Speicher für eine Technik des Schreibens.

Bis: 03.03.2012



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Philipp Goldbach [23.01.12-03.03.12]
Institutionen Gisèle Linder [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Zürcher
Künstler/in Philipp Goldbach
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