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Besprechung
3.2012


Verena Kuni :  ON ON ON blinkt der Fries aus Glühbirnen, der die mächtige Plattform säumt. Das passt zu der Parade, die auf den verspiegelten Fliesen Aufstellung genommen hat. Und doch stimmt nichts an dieser Szene, in der allein der Spiegel die Wahrheit spricht. Denn die Welt steht auf dem Kopf. Die Botschaft lautet: NO!


Basel : Kienholz, Die Zeichen der Zeit


  
Edward und Nancy Reddin Kienholz · The Ozymandias Parade, 1985, Installationsansicht


Sicher: Es hätte anders kommen können. Für die monumentale Installation ‹The Ozymandias Parade›, 1985, wurde im Vorfeld der Ausstellungseröffnung zu einer Abstimmung im Internet eingeladen. «Sind Sie mit Ihrer Regierung zufrieden?», lautete die Frage. Die Antwort: eben jenes «NO», das nun auf der Augenbinde steht, die der kopfüber auf dem Bauch seines sich aufbäumenden Rosses sitzende «Präsident» als Führer der Parade trägt. Flankiert wird er von zwei nicht minder aus den Fugen geratenen Figuren: Zur Rechten reitet sein Vize rückwärts auf einer toten Mähre, zur Linken ist es gar eine zum Skelett abgemagerte, an Krücken gehende Frauengestalt, auf deren Rücken ein über und über mit Orden garnierter General Platz genommen hat. Es sind schiere Gier nach Geld und Macht, Missbrauch und brutale Gewalt, die hier regieren. Wer mag wohl das Volk sein, das als winzig kleine Nippes-Schar im Schatten der drei Reiter folgt und bunte Fähnlein schwingt? Sind das etwa wir?
Die Arbeiten von Edward und Nancy Reddin Kienholz laden zu solchen Überlegungen ein. Obwohl, oder genauer gesagt, gerade weil jede einzelne von ihnen wie eine Zeitmaschine funktioniert. Viele gehen auf ein konkretes Ereignis zurück, von dem sowohl Titel wie auch Bilder und Objekte künden, die in die Assemblagen eingegangen sind. Ihr Material sind Gegenstände, die gebraucht und verbraucht worden sind, Daten und Fotografien, die Wirklichkeit herstellen sollten. Ihre Figuren sind von lebenden Körpern abgeformt. In der Kombinatorik der Fragmente, der Schichtung und Verdichtung vollzieht sich jedoch eine Transformation, die Geschichte und Geschichten - ohne sie auszulöschen - neu konfiguriert. Es wird nicht Politik gemacht, sondern das Politische adressiert.
In der Tat ermöglicht die Retrospektive nicht nur eine Wiederbegegnung mit zentralen Werken wie ‹The State Hospital›, 1966, mit dessen Ausstellung im Rahmen der 4. documenta Kienholz erstmals in Europa Furore machte. Mit den ‹Concept Tableaus› führt sie direkt an den Kern eines Arbeitsprinzips, das auch in ebenjener Schichtung und Verdichtung von Realien stets auf eines zielt: die Zeichen der Zeit in ein Bild zu fassen, das Essenzielles und Existenzielles thematisiert. So verstärken die Perspektiven, die sich beim Betrachten der Arbeiten aus mehr als vier Jahrzehnten einstellen, den Eindruck der ungebrochenen Aktualität eines Œuvres, das zwar Kunstgeschichte geschrieben hat - ansonsten aber ganz in der Gegenwart steht.

Bis: 13.05.2012


Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, 2011



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Kienholz. Die Zeichen der Zeit [22.02.12-13.05.12]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Edward Kienholz
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