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3.2012




Paris/Rennes/Berlin : Boris Mikhailov


  
Boris Mikhailov · Untitled aus der Serie I am not I, 1992, C-Print, 170 x 100 cm, Ed.5, Courtesy Suzanne Tarasiève, Paris © Rebecca Fanuele


Menschlich, nicht allzumenschlich. So sind Boris Mikhailovs rückhaltlose Beobachtungen. Der heute 73-Jährige knipst die Misere: Menschen, die neben Betonkübeln in Fussgängerzonen kacken, mitten am Tag. Alte, die in Müllhaufen auf der Strasse liegen. Ehemalige Proletarier in der Hocke, vom Schild der Imbissbude blickt der grüne Shrek auf sie herab. Besoffene Proleten. Bierflaschen in Pfützen. Kurz: den ganzen Jammer-Rest eines entfesselten Kapitalismus, in dem immer weniger immer mehr und immer mehr immer weniger haben.
Um das zu sehen, muss man nicht in die Ukraine reisen. Randgruppen, soziale Verlierer, zum Proletariat geformte - die gibt es überall in der globalisierten Euro-Zone. Man muss nur hinsehen. Mikhailovs Fotos helfen dabei. Suzanne Tarasiève setzt sie in Paris gleich doppelt in Szene. Im Marais mit allen 177 kleinformatigen Fotografien aus ‹Tea, Coffee, Cappuccino›, teilweise bereits 2007 auf der Venedig-Biennale präsentiert. Zwischen 2000 und 2010 aufgenommen, aktualisiert die Serie, was schon Arbeiten aus ‹By the ground›, 1991, ‹At dusk›, 1993, und ‹Case History›, 1997, vermitteln: Elend mit menschlichem Antlitz.
Klug, dass die Berlinische Galerie ihre zeitgleich laufende Mikhailov-Retrospektive mit Hamlets ‹die Zeit ist aus den Fugen› betitelt hat. Für Deleuze ist der Satz eine der Urformeln moderner Vernunft. In dieser fugenlosen Zeit lässt sich mitlachen, wenn eine verkommene Alte bei Minusgraden barfuss ein Tänzchen wagt. Was wäre auch sonst zu tun? Verzweifeln? Das untersagen die Bilder.
In Rennes, im Kunstzentrum La Criée, wird die Serie ‹Salt Lake› gezeigt. 50 Fotografien, 1986 aufgenommen an einem See in der Ukraine, in dem die Menschen wegen seines hohen Salzgehaltes baden. Auch noch, nachdem Fabriken in grossen Rohren ihre Abwässer hineinleiten. Die Leute bleiben, als sei ihre Imagination vom Wohlsein stärker als die Realität. Und plötzlich wirkt, jenseits der Frage nach Bildrealität und Erfahrung, der ganze politische Gehalt dieses Werks: Es geht um Vorstellungen. Im Bild, in der Welt, im Menschen. Mikhailov weiss um deren Macht. Lässt er Zahnlückenmonster posieren, blitzt zwischen Goldzahn und brutalem Blick der Schalk, der auch seine Selbstporträts beseelt. Von den Wänden in Tarasièves Loft, in Belleville hallt das verzweifelte Lachen Zarathustras - Mikhailov als grotesker Buffo mit Dildo und Haudegen bewaffnet nackt in olympischer Pose oder als Rodins Denker.
‹I am not I›, der Titel der 1992 aufgenommenen Serie, ist Programm: «Man ist gleichzeitig da und nicht da», sagt er, «gleichzeitig ist man heute und vor langer Zeit.» Foto-Menschen, Menschen im Foto. Dass sie dort sind, wo sie sind, haben sie nicht allein zu verantworten. Sie machen das Beste draus. Das Beste ist nicht immer gut genug. Aber es reicht für eine Fotografie. (- S. 93)

Bis: 28.05.2012



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Ausgabe 3  2012
Ausstellungen Boris Mikhailov [24.02.12-28.05.12]
Ausstellungen Boris Mikhailov [14.01.12-10.03.12]
Institutionen Berlinische Galerie [Berlin/Deutschland]
Institutionen La Criée, centre d'art contemporain [Rennes/Frankreich]
Institutionen Galerie Suzanne Tarasieve [Paris/Frankreich]
Künstler/in Boris Mikhailov
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