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Editorial
4.2012





  
TITELBILD · Kateřina Šedá · No Light, ab 2009, Courtesy Galleria Franco Soffiantino. Foto: Michal Hladík


Silberne Schächtelchen wecken unseren Spieltrieb. Wir können sie verschieben, stapeln oder zum Verschwinden bringen. Doch hinter dem Spiel steckt eine Absicht. Seit der japanische Autokonzern Hyundai mitten im Dorf eine Fabrik errichten liess, fehlt diesem das kommunikative Zentrum. Die Bauerngemeinde hat ihre angestammte Arbeit verloren und ist in eine kollektive Lethargie gefallen. Dies konstatierte die junge Künstlerin Kateřina Šedá und entwickelt seither Gegenmassnahmen: Sie lässt die Betroffenen ihre Umgebung zeichnen. Die so entstehenden topografischen Entwürfe können als alternative Lebensmodelle gelesen werden. Modelle, welche die Dorfgemeinschaft zu neuer Aktivität erwecken und ermutigen, die Leerstelle in ihrer Mitte wieder zu besetzen.
Wie das funktionieren könnte, hat Šedá in dem Projekt ‹over and over›, 2008, erfolgreich erprobt. Auslöser war ein Ärgernis: Der direkte Weg zwischen ihrem Haus in ihrem Heimatdorf Líšeň und der Busstation wird durch zahllose eingezäunte Grundstücke versperrt. In monatelangem Einsatz besuchte sie Hof um Hof und diskutierte, ob und wie sie an einem bestimmten Tag über die Zäune klettern könnte. Viele Einzelgespräche, Erklärungsskizzen und Papiermodelle später war es so weit. Die Künstlerin machte sich auf den Weg, überquerte 80 Gartenzäune über bereitgestellte Schemel, Leitern und andere Steighilfen und gelangte in einer schnurgeraden Linie zur Station. Die Kletterei allerdings war nur Mittel zum Zweck. Nicht die Abkürzung war entscheidend, sondern die Gespräche, welche die Nachbarn an diesem Tag über ihre Zäune hinweg führten.
Šedá will nicht in erster Linie Probleme aufzeigen, sondern Lösungen. Diese beginnen mit Gesprächen und einem Blatt Papier. Denn seien die kleinen Papiermodelle und Treppchen noch so fragil, als visionäre Steighilfen sind sie höchst wirksam. Claudia Jolles



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Ausgabe 4  2012
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