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Fokus
4.2012


 Wer sich mit Kateřina Šedá verabreden will, muss spontan sein, denn die tschechische Künstlerin pendelt derzeit viel zwischen Luzern und einem Ort namens Nošovice ganz im Osten der Tschechischen Republik. Schliesslich treffen wir uns im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden, wo Šedá derzeit das ‹Follow Fluxus› Stipendium innehat. Nach Luzern folgt sie der Einladung von Fanni Fetzer. Jedoch plant Kateřina Šedá in der ersten grossen Schau der neuen Direktorin für das Museum keine übliche Zusammenfassung ihrer bisherigen Arbeit, sondern entwickelt den nächsten Schritt ihres Nošovice-Projektes, das letztendlich zur Schliessung eines ganzen Automobilwerkes führen soll.


Kateřina Šedá - Ein blinder Fleck, aus dem eine Soziale Plastik wird


von: Grit Weber

  
links: It Doesn't Matter, 2005-2007. Foto: Kateřina Šedá
rechts: No Light, ab 2009, Installationsansicht, Mori Art Museum, Courtesy für alle Aufnahmen Galleria Franco Soffiantino, Turin. Foto: Keizo Kioku


Begonnen hat alles 2008, als der koreanische Autohersteller Hyundai inmitten des Tausend-Seelen-Dorfes Nošovice ein grosses Werk errichtete. Die Fabrik kappte in ihrer Ausdehnung nicht nur alte Wege und Verbindungen, versperrte nicht nur mittels eines sie umgebenden Erdwalls die üblichen Blickachsen, besetzte nicht nur ein fruchtbares Feld, auf dem noch vor wenigen Jahren der berühmte Nošovice-Weisskohl kultiviert wurde, sondern verursachte bei den eingesessenen Bewohnern eine Art kollektive Depression. Denn das Werk wirkt wie ein Container: Zwar bietet es Arbeitsplätze, aber es verhält sich gegenüber den gewachsenen sozialen und kulturellen Strukturen wie ein hermetischer Block. Alte Kontinuitäten im Miteinander wurden schlagartig verändert. Kateřina Šedá machte die daraus resultierende Lähmung der Bevölkerung zum Ausgangspunkt eines Langzeitprojektes.

Ein Dorf verliert seine Mitte
«2009 wollte mein damaliger Mann mit mir zusammen einen Film über diesen Ort machen. Er war dabei stärker an dem Konflikt zwischen der Fabrik und den Einwohnern interessiert, während ich eher eine Lösung für das ganze Problem suchen wollte. Wir stritten uns und gingen getrennte Wege. Ich habe mich dazu entschlossen herauszufinden, wie man die Bewohner des Ortes mithilfe einer neuen Form, eines neuen Musters wieder verbinden kann...» Mittlerweile sind daraus sieben Werkgruppen entstanden, die alle aufeinander beruhen, ja aus verschiedenen gedanklichen Richtungen und in transformierter Form immer wieder zum Kern dieses Dorfes, nämlich seiner von der Fabrik besetzten und verloren gegangenen Mitte, zurückkehren. Keiner der Werkteile kommt ohne die Hilfe der anderen Menschen aus. Sowohl in der Kollaboration als auch im Ziel wirkt Šedás Nošovice-Projekt ganz im Sinne der Sozialen Plastik, wie sie einst Joseph Beuys formulierte, dass nämlich jede Person Wirtschaft und Politik sozial und kreativ gestalten könne.
Beuys' künstlerische Konzepte waren immer wieder auch auf Institutionen hin ausgerichtet. Sein Begriff einer Sozialen Skulptur orientierte sich an der Gesellschaft im Allgemeinen und an ihren institutionellen Trägern. Kreatives Einwirken kann auf Dauer die gesellschaftlichen Institutionen beeinflussen, so seine Annahme. Šedás Arbeit bleibt stärker beim Subjekt und am sozialen Nahraum orientiert. Statt an die Institution denkt sie an den unmittelbaren zwischenmenschlichen Kontakt. Und auf die Frage, ob ihre Kunst einen therapeutischen Effekt auf die Bewohner ausüben soll, antwortet sie, «ja, meine Kunst soll in etwa wie eine Medizin oder eine Pille wirken. Für mich ist es wichtig, die Meinungen und Ansichten ganz normaler Menschen zu berücksichtigen. Diese Leute sind meine Ebene, meine Referenz, mit der ich arbeite.»

Utopie, Therapie und Sinnhaftigkeit
Ihr Projekt mit dem Dorf beginnt die Künstlerin, indem sie die sprachliche Formulierung ‹nedá se svítit› (es ist kein Licht), welche sie am häufigsten bei ihren Recherchen in Nošovice gehört hat, aufgreift, übersetzt und aus dem neu entstandenen Sprachbild eine künstlerische Arbeit entwickelt. Auf einer kreisrunden Leinwand ist in der Mitte ein grosses Loch ausgeschnitten. Šedá bittet etwa hundert Einwohner aller Altersgruppen, sich in diese «verlorene Mitte» zu stellen und von dort aus - jenem Unzugänglichen, das die Fabrik symbolisiert - das Dorf mit seinen Strassen, Wegen und Häusern gleich einer Mental-Map in einer Zeichnung neu zu erschaffen.
Die Arbeit wird zum Auge, welches auch mit einem blinden Fleck auskommen muss, an jener Stelle nämlich, an der die Sehnerven in die Hirnareale abgehen. Um wieder zu sehen, muss das Dorf sich seines blinden Flecks bewusst werden. Die Zeichnungen lässt Šedá von Frauen aus der Nachbarschaft in ein gesticktes Muster verwandeln. Die Leinwände werden zu schönen, bunten und sehr individuellen Tischdecken, die nicht wie in der böhmischen Tradition üppige Blumenmuster zeigen, sondern die subjektiv erdachten Verbindungswege und Topografien dieses Ortes. Von da an variiert die Künstlerin das Motiv des Loches und das Drumherum. Es taucht auf bestickten Kopftüchern auf, aber auch in Kochhandschuhen, die auf der Handfläche diese offene Mitte haben.
In einer Aktion vor Ort werden diese Handschuhe von 26 aus Wiesbaden angereisten Köchen praktische Verwendung finden. Ein Arbeitsabschnitt wird wieder in den nächsten übergehen, dann nämlich, wenn speziell für Nošovice zubereitete Gerichte auf den Tellern zu einer die Mitte thematisierenden Skulptur werden. Wieder integriert die Künstlerin andere Menschen, die wiederum besondere Fähigkeiten mitbringen, genauso wie jene deutschen Übersetzer, die besagter Aktion dank ihrer Übertragung von «nedá se svítit» vom Tschechischen ins Deutsche nahezu einstimmig auf die Redewendung «Die Suppe ist gegessen» kamen, die nun der Titel dieser Arbeit ist.

Die Vergegenwärtigung des Verdrängten
Obwohl alle Werkgruppen konzeptuell und intellektuell stichhaltig sind, basieren sie vor allem auf dem handwerklichen Akt. Es wird gezeichnet, geschnitten, gekocht, gehäkelt und gestickt. Der Materialeinsatz ist immer sehr präzise gewählt und von grosser Sinnlichkeit. Man möchte mit der Hand über die bestickten Flächen streichen, ein Kopftuch selbst umbinden oder sich einen Handschuh überziehen. Diese Arbeiten resultieren nicht aus einem abstrakten Entwurf, der als Gedanke zuerst da ist und der danach zur Form wird, sondern genau umgekehrt, induktiv. Die Materialität der Werkteile und das Prozesshafte charakterisieren Šedás Kunst ebenso, wie ihr Bezug zur Tradition, die den Menschen wieder als ein kulturelles Wesen erfahrbar machen. Trotz dieser Handwerklichkeit sind die Arbeiten nicht folkloristisch, trotz ihrer Schönheit nie blosse Dekoration. Hinter allen Werken steht das Ziel, die Leute vor Ort wieder zueinander zu bringen und die Störung der traditionellen Verbindungen im Dorf aufzuheben. Und obwohl Šedá alle erdenklichen Weihen des Kunstbetriebes erhalten hat - documenta 12, Berlin Biennale 2008, Venedig Biennale 2011, Tate Modern London und nun die Einzelschau in Luzern - fragt sie sich oft, ob ihr Kampf um die verlorene Dorfmitte, der ja sowohl pädagogische Züge als auch viel Humor enthält, überhaupt als Kunst bezeichnet werden kann. «Wenn ich nicht diese Art Kunst machen würde, würde ich eine andere Tätigkeit ausüben. Hauptsache aber mit Menschen. Es ist ganz erstaunlich, aber schon als Kind konnte ich andere Leute von Ideen überzeugen und sie dazu bringen, mir zu folgen und mir zu vertrauen. In meinen Kunstprojekten dauert das natürlich etwas Zeit, aber nach wenigen Wochen glauben die Leute nicht mehr, dass ich eine Betrügerin bin. Und das Erstaunliche ist, dass etwa 95 % der Leute, die an meinen Projekten mitgearbeitet haben, noch einmal diese Erfahrung machen wollen.»

Der Grossmutter eine Stimme geben
So konnte Šedá schon während ihres Studiums 2003 die Ortschaft Poňetovice davon überzeugen, einen Tag lang den von ihr aufgestellten Tagesablauf zu erfüllen: Punkt sieben Uhr einkaufen, neun Uhr die Fenster öffnen, um fünf Uhr nachmittags durfte man sich auf ein Bier treffen und gegen zehn Uhr abends wurde das Licht gelöscht. Was nach einer Parodie auf den Sozialismus klingt, wurde von den Einwohnern bereitwillig umgesetzt. Kurze Zeit später wollten ihr dann einige Dorfbewohner das vakante Amt als Bürgermeisterin antragen - ein Vorschlag, den sie jedoch zurückgewiesen hat.
Es ist, als hätte Šedá einen besonders feinen Draht zu den Leuten und ihren Bedürfnissen. So als wisse sie sehr genau, was die Menschen glücklich macht. Zum Beispiel ihre Grossmutter, die nach der Pensionierung kaum noch Erwartungen an die Welt hatte und jede neue Frage gleichgültig mit «It doesn't matter» kommentierte. Bis ihre Enkelin sie bittet, alle Waren, mit denen sie früher als Verkäuferin in einem Werkzeughandel beschäftigt war, in ihrer Vielfalt und Sortierung inklusive ihres Verkaufspreises detailliert aus dem Gedächtnis aufzuzeichnen. Entstanden sind Blätter, die zunächst an Art Brut erinnern, einzig aber das Ziel hatten, die alte Frau endlich zufriedener zu machen. Ihrer Persönlichkeit eine Stimme zu geben, sie vom Rande der Aufmerksamkeit wieder ins Zentrum zu rücken. Und warum soll das eigentlich keine Kunst sein? Eine sehr soziale eben. Und eine herzerfrischend witzige.Grit Weber, Redakteurin von ‹art kaleidoscope›, Kunstmagazin für das Rhein-Main-Gebiet.

Bis: 17.06.2012


Kateřina Šedá (*1977, Brno) lebt und arbeitet in Líšeň, bei Brno, Tschechische Republik
1999-2005 Academy of Fine Arts, Prague
1995-1999 School of Applied Arts, Brno
Einzelausstellungen
2011 ‹Die Suppe ist gegessen›, Nassauischer Kunstverein Wiesbaden; ‹From Morning Till Night›, Tate Modern, London; ‹ That's The Way The Cookie Crumbles›, Cubbit Gallery, London; ‹Líšeň Profile›, Museum Sheffield; ‹It's too late in the day›, Künstlerhaus Bremen
2012 Gallery Kaple, Valašské Meziříčí; ‹Talk to the sky 'cause the ground ain't listening›, Kunstmuseum Luzern



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Katerina Sedá [03.03.12-17.06.12]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Katerina Sedá
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