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Fokus
4.2012


 ‹LOS›: Mit der fulminanten Ausstellung ‹Library of Sculpture› von Vaclav Pozarek legt der langjährige Aarauer Kurator Stephan Kunz als neuer Direktor des Bündner Kunstmuseums in Chur los - und setzt so konsequent seine bisherige Linie fort. ‹Library›: Die Bibliothek ist nicht bildlich gemeint. Die Ausstellung zeigt eine reelle Bibliothek, Pozareks Sammlung von Büchern und Fotografien. Mit ‹LOS› gibt der Künstler einen anschaulichen Einblick in seine grundlegenden Reflexionen über die Skulptur und deren Jahrtausende alte Tradition.


Vaclav Pozarek - Museal verdichtete Installation als Reflexionsraum der Skulptur


von: Konrad Tobler

  
links: Library of Sculpture (Modell/Grundriss), 2012, Beton
rechts: Yves Klein · Collage, Bleistift auf Papier


Bisher war die Sammlung des Bündner Kunstmuseums in den Privaträumen der ehemaligen Villa kabinettartig präsentiert: Angelika Kauffmann, Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler, die Giacomettis, Ludwig Kirchner, Not Vital - eine feine kleine Kollektion. Die Zimmer wurden für die Ausstellung ‹LOS› von Vaclav Pozarek geräumt, die Sammlung in einer neuen, luftigen Präsentation in den hinteren Räumen des Museumskomplexes neu eingerichtet. So erhält Pozareks ‹Bibliothek der Skulptur› einen durchaus privaten Charakter, was dem Kern dieses neuen, umfassenden Werks ganz und gar entspricht. ‹LOS› ist ein einziges, in sich geschlossenes, mit der Architektur des Museums verbundenes Gesamtwerk, obwohl es eine aus vielen Einzelstücken bestehende Installation ist. Pozarek gibt mit seinem Konzept der Bibliothek direkt und indirekt Einblicke in sein konsequentes Œuvre - und in seine Denkweise. Nur selten kann man einem Künstler derart über die Schultern schauen, wobei Pozarek einfach nur zeigt und nicht gesprächig oder gar plakativ programmatisch Gedanken und Konzepte ausbreitet. Das entspräche nicht seiner ästhetischen Haltung und seiner Form des Diskurses.

In der Stille - ein wichtiger Zeitgenosse
Die bisher grössten Ausstellungen zum Werk von Pozarek - 1988 in der Kunsthalle Bern, 1995 im Aargauer Kunsthaus Aarau und 2004 im Kunstmuseum Winterthur - zeigten, wie vielfältig das Schaffen des im böhmischen Budweis geborenen Künstlers ist: Er ist nicht nur Plastiker und Skulpteur, er ist Zeichner, Collagist und Fotograf, Grafiker, Typograf und Buchgestalter. Seit Jahren gehört Pozarek zu den bedeutendsten Künstlern der Schweiz; während Jahren wirkte er als Lehrer an der Hochschule der Künste in Bern und hat einen immer wieder spür- und sichtbaren Einfluss auf die jüngere Generation.
Als Pozarek 1968 nach Bern kam, wo er mit einigen Unterbrüchen seither lebt, war es das Interesse an der in der Schweiz wirkmächtigen Konkreten Kunst, die einen wichtigen Ausschlag für die Wahl des Exillandes gab. Pozareks Werk ist in der Tradition des Konstruktivismus, der Konkreten, aber auch der Minimal Art zu verorten. Seine Eigenständigkeit zeigt sich besonders darin, dass er es versteht, Konzept und Materialität in eine spannungsvolle Balance zu versetzen und dass es ihm immer wieder gelingt, das streng Konzeptionelle mit Witz zu unterlaufen. Was soviel bedeutet wie: mit höherer Ironie. Die Ernsthaftigkeit seiner skulpturalen Recherchen ist so mit einer spürbaren Lust am Experiment und am Kombinieren verschiedenster Formen und Materialien verbunden.

Die Ausstellung als Bibliothek - ein autonomes Werk
Wie er mit der Dialektik von Stabilität und Labilität, mit Kompaktheit und Fragilität arbeitet, so bilden Öffnungen und Durchblicke immer wieder eine dialektische Einheit mit Verschlüssen, worauf etwa der Titel ‹Oben halb offen› einer vierteiligen Werkgruppe von 2006 verweist. Pozarek gewinnt dabei den vorgefundenen oder manchmal auch nur wie vorgefunden wirkenden Elementen räumlich-skulpturale Qualitäten ab. Manchmal ist bei seinen Objekten denn auch kaum zu entscheiden, ob es nun autonome Kunstwerke oder Gebrauchsgegenstände sind - schliesslich entwarf Pozarek für zahlreiche Ausstellungsarchitekturen, besonders in der Nationalbibliothek, immer wieder Vitrinen oder Büchergestelle; ein von ihm entworfener grauer Hocker ist schon fast zu einem Klassiker geworden.
Alle diese Felder, Konzepte und Verfahren finden sich in kompakter, zugleich reflexiver und anschaulicher Form in der aktuellen Ausstellung ‹LOS› im Bündner Kunstmuseum. Die intimen Räume der Villa sind unter Einbezug des herrschaftlichen Treppenhauses zu einer Bibliothek geworden, Vitrinen und Büchergestelle stehen in einer rhythmischen Anordnung da - und zeigen sich dabei zugleich als Skulpturen. Einige präzise gesetzte Objekte sowie Zeichnungen und Fotografien vervollständigen die dichte Konstellation.

Die Essenz der Skulptur - eine Enzyklopädie
Was Pozarek hier mit Dutzenden von gesammelten Postkarten und Kunstbüchern ausstellt und ausbreitet, ist nichts anderes als das Resultat seiner kunsthistorischen Recherchen, die er aber mit dem Blick des Künstlers macht und ordnet. So sind die Postkarten mit bekannten und unbekannten Skulpturen nicht etwa chronologisch oder stilistisch, sondern formal und assoziativ in eine Relation gesetzt. Das Gleiche gilt für die Bücher, die von Pisano über Michelangelo bis zu Judd die wichtigsten Bildhauer repräsentieren; hinzu kommen Namen, die den wenigsten geläufig sein dürften. Es ist eine innere Ordnung, es sind Referenzen und Reverenzen, die der Künstler macht - denn die Bücher sind nicht dazu da, dass man darin blättert, sondern sie dienen als Stellvertreter für die verschiedenen Fragestellungen, die sich in der Skulptur stellen: Licht und Raum, Volumen und Fläche, Figürlichkeit und Abstraktion, Üppigkeit und Reduktion, Plastizität und Konstruktion.
So ist die Auslegeordnung eine lebendige Reflexion und Selbstreflexion, in die Pozarek sein eigenes Werk einbindet. Denn er baut nicht nur eine imaginäre Bibliothek und ein eindrückliches Archiv im Museum auf. Vielmehr entwickelt er auch eine Architektur für ‹LOS› - ein Gebäude, das er in einem Bodenobjekt materialisiert. Das erinnert an seine Zeichnungsreihe ‹KLEX›, in der er sich im Umfeld der Diskussionen um das Zentrum Paul Klee kritisch und manchmal ganz schön bös ironisch mit der Gestalt und der Funktion des Museums auseinandersetzte. Und wie er damals in diesem Kontext Logos entwickelte, so sucht er auch für die Skulpturenbibliothek typografische Lösungen.

Der lakonische Blick - eine Gratiszeitung
Die Fülle der kunsthistorischen Bezüge und Assoziationen sind in den Objekten und auch in den Fotografien gebündelt, die Pozarek seit Jahrzehnten von architektonischen und skulpturalen Elementen macht, vor allem in Italien. Sein fotografischer Blick erfasst Strukturen und Details, wie sie nur der Bildhauer, wie sie nur Pozarek entdecken kann: Er erkennt Aspekte der Skulptur auch dort, wo andere gar nicht hinsehen würden.
Von der höheren Ironie war bereits die Rede. Sie ist in der Bibliothek wiederum wie ein leises Vibrieren spürbar. Und sie gipfelt in einer Serie von Papierarbeiten, zufällig - oder eben nicht - gefundenen Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften. Die Sujets zeigen beiläufige Situationen und Szenen. Aber indem Pozarek diese mit viel List und mit einem präzisen Erfindergeist bestimmten Bildhauern und Objektkünstlern zuordnet, kippt das Alltägliche ins Ästhetische, wird der Kern des Werks von Auguste Serra, Cindy Sherman oder Richard Rodin mit einem Augenzwinkern offen gelegt - und umgekehrt mit einem leisen, lakonischen Lächeln wieder ins Unbenennbare gekippt. Diese Serie hat der Künstler in einer Zeitung zusammengefasst und diese entsprechend betitelt: ‹Ich gebe jetzt auch eine Gratiszeitung heraus›. Diese Zeitung, ‹LOS Nr. 1›, sollte man sich unbedingt greifen. Sie schärft während mehr als zwanzig Minuten, über die Jahrhunderte hinweg, den Blick auf die Skulptur: ‹LOS›. Konrad Tobler, freischaffender Kunstkritiker und Autor in Bern.

Bis: 06.05.2012


Publikation mit Texten von Stephan Kunz und Max Wechsler, Scheidegger & Spiess

Vaclav Pozarek (*1940, Budweis)
Studium an der Filmakademie Prag im Bereich Regie. War als Gestalter von Kinoplakaten tätig
1968 Emigration in die Schweiz
1969-1971 Hochschule für Bildende Künste in Hamburg
1971-1973 St. Martins' School of Art in London
1986 Atelier des Kantons Bern in Paris
1987 Atelier der Stadt Bern in New York
1992/1993 Stipendiat des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in Berlin
Lebt in Bern und Italien



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Vaclav Pozarek [18.02.12-06.05.12]
Institutionen Bündner Kunstmuseum [Chur/Schweiz]
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Vaclav Pozarek
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