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Fokus
4.2012


 Weltkulturen - das tönt nicht von ungefähr nach «Weltausstellung»: Wie diese verdankt sich auch die ethnografische Samm­-lung, die den Grundstock des gleichnamigen Museums in Frankfurt bildet, einer Epoche, in welcher der Blick auf andere Kulturen von Exotismus und Kolonialismus bestimmt war. Die Welt hat sich verändert. Das Museum muss sich neu erfinden.


Weltkulturen - Eine Frankfurter Feldforschung


von: Verena Kuni

  
links: Helke Bayrle & Sunah Choi · Von Hand, Ausstellungsansicht Objekt Atlas, 2011. Foto: Wolfgang Günzel
rechts: Simon Popper · One ore two things I know about you, 2011, Ausstellungsansicht Objekt Atlas. Foto: Wolfgang Günzel


Doch wie kann es gelingen, eine neue Sicht auf Weltkulturen zu entwickeln, ohne dabei die Geschichte zu vergessen, auf deren Fundamenten das Museum und seine Sammlung aufgebaut sind? Was können wir von Objekten lernen, von denen wir mitunter nach wie vor zu wenig wissen, um sie zu verstehen? Welches Verständnis von Welt und von Kulturen lässt sich gewinnen, wenn wir sie auf neue Weise betrachten?
An diesen Fragen zu arbeiten ist das erklärte Ziel von Clémentine Deliss, die 2010 die Direktion des Frankfurter Weltkulturen Museums antrat. Mit der Ausstellung ‹Objekt Atlas. Feldforschung im Museum› zieht sie nun eine erste Bilanz, die zugleich als Zwischenstation verstanden werden kann: Auf dem Weg zu einem Museum der Zukunft, das eine neue Sicht auf Weltkulturen wagt.

Feldforschung im Depot
Ausgangspunkt ist dabei die Sammlung selbst, die in der Tat auf ihre Weise längst selbst als Kontinent verstanden werden kann, von dem kaum mehr als die Koordinaten und einige der Kräfte bekannt sind, die ihn geformt haben. Ihn zu erforschen hat Clémentine Deliss - deren eigener Zugang zur Anthropologie von der Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte und Gegenwartskunst geprägt ist - Kunstschaffende eingeladen. Eine Entscheidung, die auch historische Praxis mitreflektiert: «In der Vergangenheit unternahmen Ethnologen Feldforschungsexpeditionen in ferne Länder, um neue Wege zu finden, die Welt zu verstehen. Dabei war es eine gängige Praxis, Künstler zu engagieren, welche die Objekte in situ zeichnen sollten, bevor sie gesammelt und ins Museum gebracht wurden. [...] Heute sind Reisen zu den Antipoden nicht mehr notwendig. Feldforschung beginnt Zuhause.»
Zuhause, das heisst in diesem Fall: In den Depots des Museums, in denen mangels Ausstellungsfläche der überwiegende Teil der Sammlung ein Dasein unter Ausschluss der Öffentlichkeit fristet. Über ein Jahr hinweg arbeiteten Künstler und Künstlerinnen vor Ort. Bezogen Gastateliers, recherchierten im Archiv, wählten gemeinsam mit den Sammlungskustod/innen Objekte aus, um sie mit ihren Mitteln und im Dialog mit den Wissenschaftler/innen zu erschliessen. Ein offenes Labor, in das sich auch in den vergangenen Monaten bei Vortragsveranstaltungen und Präsentationen ausgewählter Objekte immer wieder Einblick nehmen liess. Dass diese Arbeit längst nicht abgeschlossen ist, versteht sich von selbst. Schon deshalb wäre es verfehlt, von der aktuellen Ausstellung zu erwarten, dass sie Königswege für eine Neukonzeption der Sammlung und ihrer Vermittlung vorstellt. Was aber gibt sie zu sehen?
Auf den ersten Blick könnte man meinen: Wenig. Nicht nur, weil es nur eine vergleichsweise geringe Zahl prototypischer Objekte ist, die uns in den lichten Räumen der renovierten Villa zusammen mit den künstlerischen Interventionen begegnen.
Ganz ähnlich wie die Wiederbegegnung der figurativen Megalithe und der Holzstelen mit den Zeichnungen und Fotografien, die Alf Bayrle 1934/35 im Zuge von Leo Frobenius' Inner-Afrika-Expedition anfertigte, scheinen auch die zeitgenössischen Annäherungen mehrheitlich von achtungsvoller Zurückhaltung vor einem «Anderen» geprägt, das bestenfalls angeschaut und mimetisch zurückgespiegelt werden kann - sich einem tieferen Verständnis jedoch letztlich auf immer entzieht. Die Ensembles bleiben rätselhaft und verschlossen. Zunächst.

Die Sprache der Dinge
Lässt man sich nämlich auf die Stille in den Räumen ein, dann sind Schritt für Schritt tatsächlich Entdeckungen zu machen. Etwa in dem Film von Helke Bayrle und Sunah Choi, der einzelne Objekte in den Fokus nimmt. Eine visuelle Anthropologie der Dinge, die ähnlich zwar längst zu den Methoden des Faches gehört und von hier aus ihren Weg in populäre Vermittlungsformate gefunden hat - in diesem Fall jedoch auf erhellende Weise anders funktioniert: Ihre Kamera ist nicht auf Sensationen aus, sondern tastet mit stupender Geduld Detail um Detail ab. Eine Aufforderung, sich überhaupt erst einmal auf das Sehen selbst einzulassen, bevor Fragen formuliert und Antworten gesucht werden können. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieser Ausstellung. Die behutsamen Annäherungen schärfen den Blick - auf die Objekte, vor allem aber auf das eigene Instrumentarium, das es ebenso wie die erprobten Sichtweisen zu überprüfen gilt.
Zugleich kann sich gerade das scheinbare Scheitern erprobter Mittel gleich zweifach als Glücksfall erweisen: So mag Antje Majewskis Malerei zwar das Rätsel doppeln, das die von ihr ausgewählten Objekte aufgeben, deren Funktion die Wissenschaft bis heute nicht entschlüsseln konnte. Ihr Verweis auf jenen Eigensinn der Dinge, den wir mitunter mit dem Begriff «Magie» belegen, führt jedoch präzis an einen Punkt, an dem tatsächlich Erkenntnisprozesse über Kulturen hinweg möglich zu werden scheinen - was im Fall von Majewskis Beitrag, der im Kontext einer komplexen Recherche zum Thema entstanden ist, eine Vertiefung über Video-Aufzeichnungen von Gesprächen findet, welche die Künstlerin mit ihrem afrikanischen Kollegen Issa Samb geführt hat.

Ein Laboratorium für die Zukunft
Die Einsicht, dass Feldforschung immer auch das «Andere» im «Eigenen» aufzusuchen hat, ist nicht neu. Mit experimentellen Ansätzen vorangetrieben wurde sie seit den Siebzigerjahren etwa von Künstlern wie Lothar Baumgarten und Ethnologen wie Klaus-Jürgen Heinrich, die beide als Gewährsleute im Katalogbuch vertreten sind, ebenso wie vom Frankfurter Qumran-Verlag, dessen Archive Deliss angekauft hat und ebenfalls in der Ausstellung präsentiert. Die Argumente, mit denen diese Staffel aufgenommen und weitergetragen wird, werden sicher ebenso wie das Arbeitsinstrumentarium selbst weiter geschärft und immer wieder neu überprüft werden müssen. Die aktuelle Schau ist auf diesem Weg zweifellos nur ein erster Schritt - der gleichwohl überzeugend belegt, dass ein «Weltkulturen Museum» im 21. Jahrhundert allem voran als offenes Laboratorium verstanden werden muss. Was Weltkulturen sind und wie ein Museum, das sich dieser Frage widmet, aussehen könnte, scheint jedenfalls noch lange nicht entschieden. Feldforschungsbedarf gibt es nach wie vor. Verena Kuni ist Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftlerin, Professorin für Visuelle Kultur an der Goethe-Universität Frankfurt/M

Bis: 16.09.2012



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Object Atlas – Fieldwork at the Museum [25.01.12-16.09.12]
Institutionen Museum der Weltkulturen [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
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