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Fokus
4.2012


 Eine unverhoffte Begegnung von John Searles Philosophie und einem sizilianischen Gericht wirkt institutionsstiftend und zugleich fragwürdig. Eine Frage führt direkt zur Förderung von experimentellen Formaten im Bereich Kunst und Design, wie das Beispiel Corner College zeigt.


Förderpolitik - Corner College


von: Stefan Wagner

  
Stefan Wagner im Corner College, 2012


Sprachspiele sind dann am reizvollsten, wenn sie rätselhaft sind und sich daraus bestenfalls Handlungsanweisungen ableiten lassen. John Searle, einer der Begründer der Sprechakttheorie, verfasste für einen Sammelband zur ‹Institutional Critique› einen erhellenden Aufsatz. Er beantwortete darin die Frage, was eine Institution ist, mit einer Art sprachlicher und handlungstheoretischer Formel. Das war 2005. Bereits drei Jahre später hätte Searle seine Formel in Zürich unter Realbedingungen bei folgendem Satz testen können. «Corner College ist ein offener Raum für unregelmässig stattfindende, quasi-akademische Aktivitäten wie Workshops, Vorträge, Lesungen, Filmvorführungen und kulinarische Versuche.» Gründungsmitglied Urs Lehni vergleicht den Raum mit einem Gericht: Was wäre Corner College, wenn man es essen könnte? Er meint: Timpano. Ein für mich überraschender Vergleich, denn der Timpano ist ein eher unbekanntes Gericht, das durch den Film ‹Big Night› geadelt wurde. Es beinhaltet Makkaroni, Eier, Schinken, Tomatensauce, gehacktes Rindfleisch. Ein riesiges Ding bestehend aus Einzelspeisen, das mittelprächtig anzusehen ist, aber hervorragend schmecken soll.
Die Essensmetapher hob mich in neue Wahrnehmungszustände. In meiner Erinnerung stiegen vergangene Veranstaltungen auf. Im letzten Jahr beispielsweise ‹Eine Grammatik der dritten Person›, eine Ausstellung zu Wechselwirkungen von Design und Kunst. Die Lecture-Performance von Karl Larsson. Sicherlich auch ‹UnVids›, eine Schau über selbst gefertigte Musikclips. Zeitlich weiter zurückliegend die Zürcher Zine Sezession, auf der Artist-Books oder Zines von Mikroverlagen angepriesen wurde. Oder, immer brandaktuell, ‹Theory Tuesdays›, ein Format, in dem Texte gegen den Strich gebürstet werden.
Diese Aufzählungen liessen sich problemlos weiterführen und so schoss es mir durch den Kopf: Corner College ist ein Raum, der möglichst offen für Experimente jedweder Art und Person sein soll, um dadurch sein Selbstverständnis und seine institutionellen Bedingungen stets von Neuem auszuhandeln. Eine Art Floating-Institution, die sich der Festschreibung entzieht. Diese offene und äusserst experimentelle Definition erscheint zwar äusserst reizvoll, besitzt aber Haken. Sie sprengt die Rahmenbedingungen von Stiftungen und zwingt zum finanziellen Hochseilakt.
Diese Situation wird sich noch zuspitzen. Nachdem das Bundesamt für Kultur den Preis für innovative Kunsträume, ein indirektes Förderinstrument, von dem kleine Kunsträume jährlich profitierten, gestrichen hat, bleibt ungewiss, ob Corner College das nächste Jahr finanziell überlebt. Wir, wie auch andere Kunst- und Designräume, werden deshalb nicht verschwinden. Vielmehr steht die programmatische Offenheit zur Debatte. Es ist verlockend, ein stromlinienförmiges Programm zu machen oder in die Sparte Bluechip-Galerie zu wechseln, wie das viele Off-Spaces in der Vergangenheit taten. Um wieder auf die Philosophie zurückzukommen: John Searle hatte in seiner Sprechakttheorie festgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen Intentionen, Sprechen und Handeln gibt. In der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation ist es wichtig, sich zur programmatischen Offenheit zu bekennen. Deshalb: Unterstützen Sie experimentelle Formate jetzt und substantiell mit finanzieller Unterstützung. Sonst wird es ganz schnell wieder ganz langweilig. Stefan Wagner studierte Kunstgeschichte und arbeitet als freier Kurator, Journalist und Dozent. Corner College betreibt er in Teamarbeit ohne finanzielle Entschädigung.


Corner College 2008 Vereinsgründung im Perla-Mode; heute Kochstrasse 1, 8004 Zürich Team: Irene Grillo, Sarah Infanger, Urs Lehni (Gründungsmitglied), Jeannette Polin, Philip Matesic und Stefan Wagner; seit 2009 nicht mehr aktiv: Georges Blunier, Adrian Ehrat, Manuela Schlumpf, Benjamin Sommerhalder Veranstaltungen: 79 Anlässe (2011); 22 Anlässe (bis Juni 2012) Besucherzahlen pro Veranstaltung zwischen 10 und 40 Personen Finanzierung 2011-2012: CHF 12'000 Kultur Stadt Zürich, CHF 5000 Bundesamt für Kultur, CHF 3000 Migros Kulturprozent



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Ausgabe 4  2012
Institutionen Corner College [Zürich/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
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