Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
4.2012


Anna Francke :  Mit der Ausstellung ‹Raum Körper Sprache› richtet das Kunsthaus Bregenz Yvonne Rainers erste grosse Retrospektive in Europa aus und zeigt ihr Choreografie, Tanz, Performance, Film und Text umfassendes komplexes Schaffen. Zweifellos ist sie mehr als eine «Grande Dame» des postmodernen Tanzes.


Bregenz/Köln : Yvonne Rainer


  
links: Yvonne Rainer · Assisted Living: Good Sports 2, 2011, Tänzer: Pat Catterson, Emily Coates, Patricia Hoffbauer, Emmanuèlle Phuon, Keith Sabado, Aufführung Vorarlberger Landestheater, 2012. Foto: © Christian Hinz
rechts: Yvonne Rainer · Ausstellungsansicht 2.OG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Christian Hinz


«NO to spectacle no to virtuosity no to transformations and magic and make-belief no to the glamour and the transcendency of the star image [...]». Yvonne Rainers (*1934) ‹NO-Manifest› von 1965 ist Programm für ihre frühen Choreografien und erinnert als radikale Absage an die Manifeste der historischen Avantgarde. Im Umfeld grenzüberschreitender Ansätze der New Yorker Kunstszene und als Mitbegründerin des Judson Dance Theater liess sie alltägliche Handlungen, Körper und Ausstattung in ihre Choreografien einfliessen. Damit wandte sie sich von Tanzkonventionen wie Virtuosität, Ausdruck oder Improvisation ab. Exemplarisch sind Verweigerung und Reduktion in der fünfminütigen Choreografie ‹Trio A›, 1966, umgesetzt. Die kontinuierliche Abfolge einfacher Bewegungen - kleine Gesten wie das Drehen der Handflächen oder Sprünge - tanzt die Künstlerin in der Filmdokumentation von 1978 leger gekleidet, präzise und ohne Musik. Dabei vermeidet sie den Blick zum Publikum beziehungsweise zur Kamera. ‹Trio A› ist zudem Teil des abendfüllenden Stücks ‹The Mind is a Muscle›, 1968. Darin hantieren Tänzer/innen mit Requisiten wie Matratzen, Rainers Kurzfilm ‹Volleyball› wird projiziert oder Dialoge eingespielt. In ‹Trio A with Flags›, 1970, wird die Choreografie - von nackten Tänzer/innen mit lediglich um den Hals geschlungenen amerikanischen Flaggen aufgeführt - zur politischen Geste.
Ab den frühen Siebzigerjahren wandte sich die Künstlerin dem experimentellen Spielfilm zu. Das eigene Repertoire dient weiterhin als Fundus, wenn im Film ‹Lives of Performers›, 1972, eine Tonbandaufnahme einer früheren Aufführung integriert ist. Montageverfahren sind bis heute zentral. In ‹RoS Indexical›, 2007, agieren vier sportlich gekleidete Tänzerinnen in einer vielschichtigen Adaption von Igor Strawinskys ‹Le sacre du printemps›, begleitet von Texttafeln mit Wörtern wie «who? me?». «Dance is hard to see», schrieb Rainer 1966. Der Herausforderung des Ausstellens von Tanzperformances und der Komplexität ihres Werks begegnet das Kunsthaus Bregenz mit Film- und Fotodokumentationen, Partituren, Notizbüchern, Plakaten, sämtlichen sieben Spielfilmen und Live-Performances. ‹Trio A› wird vierzehntäglich von einer Tänzerin und einem Tänzer aufgeführt: zuerst ohne und anschliessend mit Musik. Dies erlaubt eine werkimmanent und intermediär vergleichende Rezeption. Dagegen werden die nach Stockwerken getrennten Schaffensphasen den Interdependenzen und inhaltlichen Konstanten nur bedingt gerecht.

Bis: 29.07.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Yvonne Rainer [04.02.12-09.04.12]
Institutionen Kunsthaus Bregenz [Bregenz/Österreich]
Institutionen Museum Ludwig Köln [Köln/Deutschland]
Autor/in Anna Francke
Künstler/in Yvonne Rainer
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120328092732HLK-10
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.