Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
4.2012


Alice Henkes :  Im Centre d'Art Contemporain begegnen raumgreifende Textil­skulpturen, mit denen Sterling Ruby (*1972) handwerklichen Traditionen und sozialen Befindlichkeiten in den USA nachspürt. Ciprian Muresan beschäftigt sich mit der lethargischen Gesellschaft im postdiktatorischen Rumänien.


Genf : Sterling Ruby / Ciprian Muresan


  
Sterling Ruby · Soft Work, 2012, Ausstellungsansicht mit ‹Husbands›


In Ketten hängen Sterling Rubys Textilobjekte im Saal: dick, weich, übergross. Sie sehen aus wie ausgebreitete Arme, bereit, jeden, der Trost sucht, an ihre flauschige Brust zu pressen, und das ohne jene eigenen Bedürfnisse, die zwischenmenschliche Beziehungen oft kompliziert machen. Ihre Fülle verspricht Wärme und Wohligkeit, ihr Format indes wirkt erdrückend. Kissen gleicher Form werden in den USA viel verkauft, an junge Frauen vor allem, welche die Polster «Husbands» nennen. Sterling Ruby hat diesen Namen, in dem ein ganzes Spektrum an Sehnsüchten mitschwingt, für seine Objekte übernommen und lässt sie als übergrosse Popanze privaten Glücks serienweise von der Decke baumeln.
Bekannt wurde Sterling Ruby, der längere Zeit als Assistent bei Mike Kelley tätig war, mit Skulpturen aus Kunststoffen und Keramik, Spraybildern und Collagen. Die New York Times adelte ihn bereits als «einen der interessantesten Künstler des Jahrhunderts». In seiner ersten Einzelschau in der Schweiz präsentiert er ‹Soft Work›, textile Arbeiten, in denen Mike Kelleys weltanschauungskritische Installationen aus Plüschkitsch und Flohmarkttrash ebenso deutliche Spuren hinterlassen haben wie die intensive Beschäftigung mit handwerklichen amerikanischen Traditionen, beispielsweise dem Quilten. Die aufwändig gesteppten Decken entstanden früher in Gemeinschaftsarbeit der Frauen, der Werkprozess war zugleich sozialer Akt, die bunten Decken oft die einzigen Ziergegenstände im Haus. In seinen ‹Vampires› genannten Arbeiten nimmt Ruby explizit die Optik der Patchwork-Muster auf und verwendet als Grundmuster das Star-Spangled-Banner. Breit spannen sich die grossformatigen Textilobjekte vor dem Betrachter auf und erinnern dabei sowohl an löcherige, flugunfähige Flügel wie auch an Zäune und Gitter, an Absperrungen und Hindernisse, die bunt und weich und flauschig sein mögen, aber eben doch unüberwindlich.
Zeitgleich ist Ciprian Muresans Ausstellung ‹Recycled Playground› zu sehen, die den rumänischen Künstler erstmals in einer Schweizer Einzelschau zeigt (-  KB 12/2011, S. 61). Muresans multimediale Werkauswahl befragt die politische und soziale Situation seines Heimatlandes und findet dafür sensible und geistreiche Bilder. Ein Zug mit Kunststoffmülltonnen, der unermüdlich seine Kreise zieht, dient als Symbol der inneren Leere und Geschichtsvergessenheit. Kirchenbänke im Kindergartenformat verweisen auf die neu erwachte Frömmigkeit, mit der viele seiner Landsleute der Orientierungslosigkeit zu begegnen suchen.

Bis: 22.04.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Ciprian Muresan, Sterling Ruby [24.02.12-22.04.12]
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Ciprian Muresan
Künstler/in Sterling Ruby
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=120328092732HLK-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.