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Besprechung
4.2012


Grit Weber :  Hinter dem von Kafka geborgten Titel verbirgt sich eine Ausstellung, in der Kasper König Skulpturen der deutschen Nachkriegszeit mit Rauminstallationen zeitgenössischer Künstler in Beziehung setzt. Die letzte Schau des Direktors am Museum Ludwig zeigt beeindruckend, dass das funktioniert.


Köln : Vor dem Gesetz


  
Marko Lehanka · Ohne Titel (Bauerndenkmal), 1999, verschiedene Materialien, 453 x 80 x 88 cm, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Turin. Foto: Achim Kukulies


Der Deutungen gibt es viele. Das gilt sowohl für das Romanfragment von Franz Kafka als auch für die einzelnen in Köln versammelten Kunstwerke. Und so mag es den Museumsbesucher/innen ergehen wie dereinst Josef K., der über Jahrzehnte nicht durch die von einem Wärter bewachte Tür geht, sei es, weil er vor der Macht einknickt, oder weil er sich nicht selbst zu diesem Gang ermächtigen kann. Gleichwohl sollte man sich nicht von dem reichlich sperrigen Titel ‹Vor dem Gesetz - Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst› abschrecken lassen.
Schon zu Beginn des Rundgangs, wo der in seiner Melancholie seltsam ruhig wirkende ‹Gefesselte Prometheus›, 1948 von Gerhard Marks in Stein gehauen, und die Installation von Jimmie Durham ‹Building a Nation› von 2006 die Kunst der letzten sechzig Jahre als zwei gegensätzliche Auffassungen vorstellt: Skulptur der Moderne, die ein klassisches Thema neu interpretiert, indem Material und Figur das Gefühl der Ohnmacht übersetzen, und eine aus Zivilisationsmüll bestehende Arbeit, die additiv über Verweise und Dokumente die Fragwürdigkeit der US-amerikanischen Staatenbildung verdeutlicht. Beide Werke leben davon, Gleichheit und Gerechtigkeit als Gesetz zu betrachten, und davon, entweder an genau diesem Massstab zu scheitern, oder an den jeweiligen Machtverhältnissen. Der eine hat vorerst aufgegeben, der andere klagt weiter an. Gerhard Marks und Jimmie Durham markieren also die zwei Pole, von welchen aus die wirklich sehenswerte Ausstellung ihre Spannung bezieht. Mit Werken von so unterschiedlichen Künstlern wie William Kentridge, Marko Lehanka oder auch Bruce Nauman, Phyllida Barlow und Germaine Richier befragt die Schau nicht nur die aktuellen Beziehungen zwischen Kunst und Politik, klopft die Arbeiten auf ihr kritisches Potential gegenüber Macht und Ermächtigung hin ab, sondern nimmt uns gleichfalls mit auf einen Parcours durch die Geschichte der modernen Skulptur, die ab den Sechzigerjahren konsequenterweise zu raumgreifenden Installationen und Environments werden musste, um ihr Verhältnis zum Raum neu zu definieren. Und was auf formaler Ebene stattfindet, lässt sich auch übertragen in die inhaltliche. So bildet die Fotoserie von Candida Höfer eine Art Scharnier zwischen den Skulpturen der Nachkriegsmoderne und den Räumen zeitgenössischer Kunst, verdeutlicht sie doch sehr klug, wie unterschiedlich Rodins Meisterwerk ‹Bürger von Calais› je nach Standort und Kontext gedeutet werden kann: als unerreichtes Ideal, als kritischer Widerpart oder als nette Dekoration.

Bis: 22.04.2012



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Vor dem Gesetz [17.12.11-27.04.12]
Institutionen Museum Ludwig Köln [Köln/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
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