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Besprechung
4.2012


Matthias Sohr :  Tom Dale lässt Blick und Spannung stetig steigen. Liegt dem Besucher eingangs ein ausladender Teppich zu Füssen, hebt sich sogleich sein Blick einer mannshohen Karosserie entgegen. Ein lautes Lüftungsgeräusch lenkt vom verunglückten Van ab, denn nebenan reicht eine prall gefüllte Hüpfburg bis unter die Decke.


Neuchâtel : Tom Dale, ‹Formal Pleasure›


  
Tom Dale · Vision Machine 7, 2010


Effizienter könnte eine Ausstellung auf den ersten Blick nicht sein. Viel Platz räumt der Engländer Tom Dale (*1974) seinen grossen, skulpturalen Gesten ein, die spielerisch die Balance zwischen Bricolage, Auftragsfertigung und pointiertem Werktitel finden. Die ‹Department of the Interior›, 2012, genannte Indoor-Hüpfburg ist einfach riesig und überzogen - mit schwarzem Leder. Auf dem flauschigen Teppich ‹High Noon›, 2012, fänden mindestens zwei Vans ihren Parkplatz. Doch beschränkt sich Tom Dale darauf, eine ‹Gateway to the Prairies›, 2012 genannte Karosserie auszustellen, in deren Fenster- und Türöffnungen goldenes Lametta hängt. Welcher Art die hier ausgetragenen Show-Downs sein könnten, bleibt der Feierlaune oder Kampfeslust des Betrachters überlassen.
Doch auch flächigere Medien und längere Aufmerksamkeitsspannen bedient Dale gekonnt. So werden auf der Empore des CAN zwei Videoarbeiten im Loop projiziert, während im Nebengang eine Auswahl der Fotoserie ‹Vision Machine›, 2011/12, zur näheren Untersuchung auffordert. Im Stadtraum Neuchâtels war man bereits an einer dieser Fotoarbeiten vorbeigeeilt, in Form des Plakats zur Ausstellung. Doch hatte die darauf abgebildete, ungewöhnlich verschlossene Front eines Einfamilienhauses keineswegs zum Verweilen eingeladen. In der Ausstellung scheinen in ‹Vision Machine 7› einige Nadelbaumäste unverbunden vor der Hausfassade in der Luft zu schweben. Das Suchspiel beginnt, wie die Ränder definiert sind, die unter der foto-montierten Wandstruktur die Fassade des polnischen Hauses freigeben.
Für sein dreieinhalbminütiges Video ‹Rubble Carousel›, 2010, hatten es Dale bereits die Londoner Backsteinfassaden angetan, auf die er bei Nacht aus einem fahrenden Auto heraus Bilder von Haussprengungen projizierte und gleichzeitig wieder abfilmte. Strenge Hausklötze und ihre Staubwerdung überlagern die noch intakten Stadtstrukturen, manchmal lässt die Projektion auch nur den Maschendraht einer Baulücke mahnend aufschimmern. Abschliessend noch ein abrupter Stopp, der Klang einer angezogenen Handbremse. Vor einer begrünten Fassade zum Stehen gekommen, fängt die leicht wackelnde Abschlusseinstellung das letzte Bild eines kollabierenden Hauses ein. Dabei wird erneut das Grün zum Austragungsort der Bildüberlagerung. In dieser letzten Videoeinstellung verschwimmen die Ränder zwischen der auspendelnden Kamera in Tom Dales Auto und dem von Haussprengungen erschütterten Material.

Bis: 01.04.2012



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Tom Dale [10.02.12-01.04.12]
Institutionen CAN Centre d'Art [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Matthias Sohr
Künstler/in Tom Dale
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