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Besprechung
4.2012


Yvonne Ziegler :  Als Student an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe warf Karsten Födinger, um eine schmale Holzleiste zu befestigen, Haftputzgips an die Wand. Später goss er grosse Betonkeile. Nun präsentiert er die eisenarmierten Holzverschalungen, die potentiell mit Beton gefüllt werden können.


St. Gallen : Karsten Födinger


  
Karsten Födinger · C30/37; XD1, XF2, 2012. Foto: Gunnar Meier


Karsten Födinger (*1978, Mönchengladbach) kann beides: grosse werkstoffreiche Arbeiten gestalten und konzeptuell denken. Im Atelier versucht er, sich «so leicht wie möglich zu halten»; nur ein paar Betonsäcke und Holzleisten stehen herum, der Rest sind Bilder im Laptop, denn seine grossen Installationen, die wie im Palais de Tokyo Wände durchstossen oder andernorts Verputzschichten freilegen, sind zumeist ephemer. Mancher mag zunächst enttäuscht sein, wenn er die Kunsthalle St. Gallen betritt und um das «Ungetüm» aus Verschalungsplatten und Armierungseisen herumgegangen ist, ohne einen Blick ins Innere zu erhaschen. Was man sieht, ist, was es ist: Um mehrere Stützen des 1907 von Robert Maillart (1872-1940) erbauten Lagerhauses ist eine raumhohe ovale Verschalung aufgebaut, die mit Beton ausgefüllt die Ausmasse eines für den Brückenbau üblichen Pfeilers hätte. Födinger geht es offensichtlich um die Reflexion des Ortes und seines in Vergessenheit geratenen Erbauers, der einst ein wegweisender Brückeningenieur war. Er reiht sich hier in die Reihe jener Künstler, die Ideen und Bauten von Architekten ausgraben und ins Gedächtnis zurückholen (Olaf Nicolai: Alexis Rodakis, Melanie Smith: Edward James). Andererseits zeigt seine Arbeit auch, dass man in der Kunst nicht bis ans Ende gehen muss - bis zum ausgeführten Betonguss gemäss der im Werktitel angegebenen Formel ‹C30/37; XD1, XF2› -, sondern dass das Gerüst ausreicht und der Rezipient es auch nur virtuell vollenden kann. Zumal der tatsächliche Akt den Ausstellungsraum an seine Grenze treiben würde.
Für den Turiner Messestand der Galerie RaebervonStenglin realisierte Födinger 2010 erstmals eine Betondecke in potentialis: nur aus der Stütz- und Verschalungsvorrichtung bestehend. Und zurzeit gilt es, in den Zürcher Räumen eine ebensolche Bodenarmierung zu entdecken. Entscheidend ist, dass Födinger die Ingenieursbaukunst zeigen will. Wieder verwendbar und vom Gebrauch gezeichnet, greifen die Holz- und Eisenteile ineinander, bilden flexible konstruktive Gebilde, werden für die Zeit der Ausstellung zu faszinierenden Objekten der Betrachtung.
Im Foyer ist eine Auswahl von Künstlerbüchern des 2009 von Födinger mit Thomas Geiger gegründeten Mark Pezinger Verlags zu sehen. Ein Heftchen erzählt vom Glück eines Punks beim Stein-Schere-Papier-Spiel. Auf einer DVD trägt eine Männerstimme die ungewöhnlichen Namen von Schlafkrankheiten vor.

Bis: 31.03.2012



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Karsten Födinger [16.02.12-31.03.12]
Institutionen RaebervonStenglin [Zürich/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Karsten Födinger
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