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Besprechung
4.2012


Maja Naef :  Im urbanen Raum, im Mittelrhein und in den Alpen war die amerikanische Künstlerin Helen Mirra letzten Sommer jeweils einen Monat lang zu Fuss unterwegs. Klaren Regeln folgend, hat sie dabei festgehalten, was sie vorfand. Der Bonner Kunstverein machte den Auftakt von insgesamt drei Stationen.


Zürich : Helen Mirra, ‹gehend (Field Recordings 1-3)›


  
links: Helen Mirra · Field Recordings, 2010, 7 x 5000 Schritte in Berlin (Steglitz), 31. Juli, Detail, Öl auf Leinwand, 80 x 170 cm
rechts: Helen Mirra · Ausstellungsansicht Bonner Kunstverein, 2011. Foto: Simon Vogel


Betritt man den grosszügigen Ausstellungsraum im Haus Konstruktiv in Zürich, verleiten grosse Schriften an der gegenüberliegenden Wand dazu, den Raum zu durchschreiten. Damit sind wir bereits mitten im Thema: ‹gehend (Field Recordings 1-3)› lenkt den Blick weg von den Wänden auf das Gehen und den durchschrittenen Grund. Die an den Wänden hängenden Exponate wirken zunächst spröde, entlegen und unkenntlich. Aber das Wort «gehend» ist eine Aufforderung, näher zu treten.
Wir sehen Leinenbezüge, deren handliches Format sich an dasjenige von Schreibpapier anlehnt. Bedruckt hat Mirra sie mit dem, was sie auf ihren Streifzügen durch die Umgebung des jeweiligen Ausstellungsortes am Boden vorgefunden hat: filigrane Äste, Zweige mit Knospen, zarte Blätterwerke, zeichenhafte Maserungen oder auch Frottagen unterschiedlichster Pflastersteinbeläge. Während Letztere eindeutig auf den Stadtraum verweisen, verwehren sich die natürlichen Motive einer ortsspezifischen Identifikation. Die Differenzierung liegt in der gewählten Präsentationsweise. Mirra hat die jeweils sieben einzelnen und einen Tag repräsentierenden Stoffstücke zu einer Linie gereiht (Alpen um Zürich), zu einer
blockartigen Anordnung gefügt (Berlin und Umgebung) oder einem grossen Stück Leinentuch in einem sich wiederholenden Muster aufgenäht (Mittelrhein um Bonn). Die ethnologische Feldforschung, die der Titel der Schau assoziiert und dessen Spuren er benennt, verliert allerdings nicht nur den örtlichen, sondern auch den zeitlichen Index. Mirras Konzentration richtet sich auf den Rhythmus des Prozesses aus, der gehende Körper ist Medium der Weltaneignung. Je mehr ein Druck von seiner Entstehung abgetrennt wird, sich der Institution einfügt, verwischt sich seine referentielle Lesbarkeit. Stattdessen sensibilisiert er die eigene Geh- und Seherfahrung.
In Bonn intensivierte die Künstlerin das Spiel mit dem Archaischen. Im Zentrum stand ein Raum, der vollständig mit Strohballen ausgelegt war. Das gepresste gelb-braune Stroh nahm einen farblichen Dialog mit den Leinenbezügen auf und addierte die sinnliche Erfahrung des Geruchs. Man konnte über das Stroh gehen, dort rasten und dabei vergessen, wo man gerade war. Man konnte den Raum auch formal begreifen: Während die Leinendrucke wie rhythmische Markierungen funktionierten, verlieh der Strohraum der gesamten Präsentation Fülle, Volumen und Masse.

Bis: 29.04.2012


Publikation: ‹Helen Mirra, gehend (Field Recordings 1-3)›, mit Texten von C. Végh, Y. Lippit und Peter Eleey



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Helen Mirra [27.11.11-29.01.12]
Institutionen KW Institute for Contemporary Art [Berlin/Deutschland]
Autor/in Maja Naef
Künstler/in Helen Mirra
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