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Besprechung
4.2012


Brita Polzer :  Zehn Jahre dauerte die Kulturrevolution in China, von 1966 bis 1976, und wenige Ereignisse der Weltgeschichte haben vergleichbar faszinierend gewirkt - bis die Hintergründe deutlich wurden. Die grossartige Ausstellung berichtet von dem Aufbruch, der alle Details des Alltagslebens erfasste.


Zürich : ‹Die Kultur der Kulturrevolution›


  
Die Völker lieben die Werke des Vorsitzenden Mao, Kalenderblatt, Juli 1968, China National Textiles, Import & Export Corp., 1968, Museum für Völkerkunde Wien In chinesischen Publikationen wurden damals gerne ausländische Verehrer des Maoismus dargestellt. Auf diesem Kalenderblatt sind es westliche «Experten», die für chinesische Verlage arbeiteten.


Fast möchte man fragen, welcher Gegenstand eigentlich nicht zu Propagandazwecken taugt. Denn tatsächlich ist alles mit Parolen, Sprüchen und Bildern besetzt. Auf einer Teekanne tritt eine Frau mit Maschinengewehr auf, eine Teetasse ist mit dem Rat, aufs Land zu gehen und sich einer Arbeitsbrigade anzuschliessen, beschriftet. Thermoskannen, Rasierspiegel, Briefmarken, Zigarettenpapiere, Küchen­utensilien - alles wurde in den Dienst der Revolution gestellt. Rote Fahnen, rote Sonnen, Industrielandschaften und andere Symbole des Fortschritts verdrängten die traditionellen chinesischen Dekors. Frauen und Männer Seite an Seite werden bei der - meist ländlichen - Arbeit gezeigt, und schuften, jubeln oder kämpfen sie nicht, dann sind sie mit Bildung beschäftigt. Immer wieder sind Lesende zu sehen, allerdings wurden die Bibliotheken ideologisch gesäubert und bis zu 90 % der Bestände vernichtet. Bücherverbrennungen fanden statt, die Rote Garde zog von Wohnung zu Wohnung, um Relikte aus der Feudalzeit zu zerstören, sogar Briefmarkensammlungen fielen unter das Verdikt. Von jedem Chinesen aber erwartete man, die Mao-Bibel bei sich zu tragen, und die Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung (1893-1976) waren auch in Europa weit verbreitet. Der chinesische Sozialismus galt im Vergleich mit DDR und Sowjetunion als der mildere und menschlichere. Es brauchte eine Weile, bis die Gräuel bekannt wurden, die mit dem Mao-Regime einhergingen, und die Bewunderung abebbte.
Im Treppenhaus wird gezeigt, wie sich die Schweiz für China interessierte. «Es lebe die Freundschaft zwischen dem chinesischen und dem Schweizer Volk», heisst es voller Begeisterung und sogenannte Freundschaftsvereine organisierten Vorträge, Ausstellungen und sogar Reisen nach China. Aus diesem Kulturaustausch entstand die Partnerschaft zu Kunming, aus der 1994 der Chinagarten in Zürich hervorging.
Überraschend ist, dass dieser hochideologische Aufbruch, der mit der Militarisierung der Gesellschaft bis in den Kindergarten hinab einherging, so heiter und fast spielerisch daher kommt. Die in chinesischer Schrift gehaltenen Parolen wirken - da für uns unlesbar - wie Ornamente, die Farben sind bunt, die Figuren muten kindlich und illustrativ an. - Ein grosser Teil der ausgestellten Stücke stammt aus der Sammlung des ehemaligen ORF-China-Redakteurs Helmut Opletal. Zwischen 1973 und 1985 hielt er sich mehrfach in China auf. Zusammen mit Martina Wernsdörfer hat er die Ausstellung kuratiert.

Bis: 10.06.2012



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen Die Kultur der Kulturrevolution [26.01.12-10.06.12]
Institutionen Völkerkundemuseum/Univers. Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
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