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Besprechung
4.2012


Isabel Friedli :  Eng waren die Wohnzimmer, in denen Karlheinz Weinberger (1921-2006) seine Freunde und Liebhaber in lasziven Posen fotografierte. So eng wie die Mentalität in der Schweiz der Nachkriegsjahre: kein Platz für Freiheit und Experimente. Umso grösser war der Drang, die Tabus zu brechen.


Basel : Karlheinz Weinberger, ‹Intimate Stranger›


  
Karlheinz Weinberger · Milchbuck, Zürich, ca. 1962, Schwarzweissfoto, 60,5 x 49 cm. Courtesy The Estate of Karlheinz Weinberger/Patrik Schedler


Die Ablehnung von Konventionen führte allerdings - im Rückblick wirkt dies irritierend - fast zwangsläufig zu einer anderen Uniformierung. Enge Jeans, lässige Jacken, die Männer mit Haartolle und die Mädchen toupiert, die Posen betont sexy und cool: Das waren die Codes. Starke Vorbilder für eine neue Identifikation gab es nur wenige, James Dean, Marlon Brando, Elvis Presley. Sie wurden verehrt und sie wurden kopiert. Mehr noch als die Sprengkraft von Protest und Krawall transportieren die Bilder von Karlheinz Weinberger im Museum für Gegenwartskunst das Verlangen nach Zugehörigkeit und nach einem anderen, der einen spiegelt. Der Künstler selbst steckte mitten im Geschehen und registrierte mit der gleichen empathischen Beteiligung wie später Nan Goldin seine Bekannten aus alltäglicher Nähe.
Die meiste Zeit seines Lebens arbeitete Karlheinz Weinberger als Lagerist bei Siemens-Albis in Zürich. Zur Fotografie kam er als Autodidakt und in seiner Freizeit. Ausgerüstet mit einem Fotoapparat und angezogen von der Sogwirkung der sich gegen die herrschende Norm abgrenzenden Jugendkultur, machte er Bilder, die Zeugnis einer Bewegung sind, deren Mitglieder in Amerika mit den klingenden Namen «Beatniks», in Deutschland und der Schweiz etwas despektierlich als «Halbstarke» bezeichnet wurden. Ab den späten Vierzigerjahren eröffnete er unter dem Pseudonym ‹Jim› seine Aufnahmen regelmässig in der international beachteten Homosexuellen-Zeitschrift ‹Der Kreis›. 1958 begann er ein grosses Projekt, für das er eine Gruppe «Halbstarker» über einen längeren Zeitraum hinweg begleitete. Der Dokumentarfilm ‹Halbstark›, 2004, von Adrian Winkler, der die Ausstellung ergänzt, versammelt Originalaufnahmen aus der Zeit und Berichte von damaligen Mitgliedern der Szene, die in Banden zusammenfanden. Zugleich mit nostalgischer Verklärung wird darin deutlich, wie drastisch die Reaktionen der Normalbürger auf das Verhalten der «fehlbaren» Jugendlichen waren. Es herrschte Nulltoleranz. Neben Karlheinz Weinbergers Aufnahmen von schweren Motorradjungen mit Goldketten und Tattoos wirken die Bilder, die derselbe Künstler auf seinen Reisen in den Süden Italiens gemacht hat, idyllisch und befriedet. Der verliebte Blick auf die nackten, sonnengebräunten Körper der Fischer am Strand ist an Intimität nicht zu übertreffen und ist noch einmal ein Bekenntnis für die Sehnsucht nach dem anderen.

Bis: 15.04.2012



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Ausgabe 4  2012
Ausstellungen K. Weinberger, T. Rollins + K.O.S. [21.01.12-15.04.12]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Gegenwart [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Karlheinz Weinberger
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