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4.2012




Giswil : Jo Achermann


von: Niklaus Oberholzer

  
Jo Achermann · Die Quadratur des Blickes, 2012, Turbine Giswil, Modellaufnahme


‹Die Quadratur des Blickes, ein Unikat für die Turbine› lautet der Titel der Installation von Jo Achermann (*1954, Stans) in der 1920 erbauten und seit 1994 leer stehenden Turbinenhalle des Elektrizitätswerkes Obwalden in Giswil. Die Halle ist 90 Meter lang, 12 Meter breit, rund 14 Meter hoch, und sie mutet an wie ein gotisches Kirchenschiff. Wer hier tätig werden will, muss sich ausserordentlichen Anforderungen stellen.
Der in Berlin lebende Achermann, Professor für Bildhauerei an der BTU in Cottbus, arbeitet seit Jahren mit wiederverwendbarem Holz - konkret mit roh zugesägten Latten. In Giswil messen sie 24 auf 100 Millimeter und sind auf verschiedene Längen zugeschnitten. Es sind insgesamt 15 Quadratmeter Holz, die der Künstler zu 18 verschiedenen bis acht Meter langen, bis sechs Meter breiten und bis sieben Meter hohen kubischen Formen fügt. Die Latten sind vertikal oder horizontal verschraubt. Zwischen den einzelnen Latten gibt es einen Abstand von zehn Zentimetern.
Das Wesentliche von Achermanns Skulpturen ist nicht das, was er aus Holz anfertigt, sondern der Raum, in den er mit seinen Installationen verändernd eingreift. Damit wird jede Arbeit zum Unikat. Und da sowohl die Skulpturen selber als der Raum, in dem sie sich befinden, betretbar sind, greift Achermann auch verändernd in unsere eigene Wahrnehmung der architektonischen Gegebenheiten und damit in die Selbstwahrnehmung ein. Konkret: Wir treten in die aus den Holzlatten gefertigten Räume und blicken nach aussen - in die Turbinenhalle und auf die dichte Reihe der anderen Skulpturen. Wir sehen mehrfache Überlagerungen. Die Holzlatten, die alle in rechtem Winkel aneinandergefügt sind, überschneiden sich, da unser Blick stets schräg auf sie fällt, in ganz verschiedenen Winkeln.
Unsicherheit mag sich einstellen, denn unsere eigenen Körperbewegungen scheinen sich in den ganzen Raum hinaus fortzusetzen: Die Linien beginnen zu flimmern, die Schatten spielen. Das Licht, das in die Turbinenhalle dringt, gibt den roh belassenen, aber mit bestmöglicher Präzision zugeschnittenen Holzflächen Farbe und Leben.
Der Komponist Roland Dahinden entwickelte für Achermanns Installation die Komposition ‹Klangquadratur›. Der Verleger Martin Wallimann veranstaltet in der Turbine die Anagramm-Sprechoper ‹Vier Seidenjahre Zeit›.

Bis: 29.04.2012



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Ausgabe 4  2012
Autor/in Niklaus Oberholzer
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