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4.2012




Vaduz : Bojan Šarcević


von: Kristin Schmidt

  


Künstler äussern Gesellschaftskritik gern mit provokanter Geste. Auch die Kunstgeschichte wird oft auf sehr herausfordernde Weise seziert. Beides zielt direkt auf den Rezipienten und dessen Aufmerksamkeitspotenzial. Doch auch subtile, zurückhaltende Töne gehen nicht zwangsläufig unter, wenn sie präzise ausgearbeitet sind und darüber hinaus Raum zum Denken lassen. Sie brauchen vielleicht etwas länger, um sich zu Bewusstsein zu bringen, bleiben dann aber nachhaltig dort verhaftet, wie die minimalen Setzungen von Bojan Šarčević (*1974) zeigen. Dieser widmet sich in seinem Werk grundlegenden künstlerischen, sozialen und gesellschaftlichen Fragen, die durchaus als solche bestehen bleiben dürfen. Was hat es etwa mit jenem Spalier aus sechs übermannshohen Regalsystemen auf sich? Tablare aus poliertem Kupfer liegen in sechs Metallkonstruktionen und spiegeln das Raster ihrer Halterung. Sie bremsen die Schritte und leiten sie. Sie scheinen bereit, Gegenstände aufzunehmen, und stehen in ihrem Purismus gleichzeitig für sich. Diese Spannung zwischen Ästhetik und Funktionalismus spielt Šarčević auch in seinen Plexiglaspavillons aus. Freistehend skulptural, sind sie architektonische Referenz, dienen als Raumteiler und als Halterung für die 16-mm-Filmprojektoren, die erst nach dem Eintreten des Betrachters durch einen Bewegungssensor eingeschaltet werden. In drei kurzen Filmen werden farbige, geknüllte Papiere, biomorph geformte Tonobjekte und eine Holzkonstruktion durch die Kamerafahrt und Musik zum Reigen erweckt - und lassen sich als ebenso sinnliche wie ephemere Anspielungen auf die klassische Moderne und ihre Nachfolger lesen.
In der parallel vom Künstler kuratierten Sammlungspräsentation des Kunstmuseum ist seine eigene Arbeit ‹At present integriert. Ihr Auslöser war eine Aufschrift auf der Heckscheibe eines Autos in Berlin: «Palestine» - ein Wort, das seit Jahrzehnten unzählige Assoziationen, Emotionen und Reflexionen auslöst. Für Šarčević ist es Anlass, das Wesen unserer Gesellschaft zu untersuchen. Auch dies denkbar unaufgeregt und wirksam: Die Besucher der Ausstellung sind eingeladen, sich an der Museumskasse ein zum Werk gehörendes DIN-A4-Blatt mitzunehmen. Zehn Fragen stehen darauf, von der ersten: «Leben wir in der konformistischsten Epoche der modernen Geschichte?» bis zur letzten sind sie mehr als ein Innehalten wert.

Bis: 06.05.2012



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Ausgabe 4  2012
Autor/in Kristin Schmidt
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