Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
4.2012




Zürich : Grösser als Zürich


von: Stefan Wagner

  
Olivia Heussler · aus der Serie «Unser Kachelofen» in der Städtischen Siedlung Erismannhof, Zürich, 1988-1990, Fotografie


Lange hatte man darüber gerätselt, auf welcher Stufe der Staubsauger über den Stadtzürcher Kreis 4 hinwegdonnern und was er auf der Fahrt an Kreativem mitnehmen würde. Das Sauggerät dürfte ca. auf 6 von 10 Stufen eingestellt gewesen sein, wie man nun im Helmhaus in ‹Grösser als Zürich› feststellen kann. Als Initiator der Ausstellung agiert der langjährige Galerist und Szenekenner Silvio R. Baviera. Zusätzlich hat er Guido Magnaguagno und Michael Hiltbrunner als Kuratoren eingeladen, um weitere Perspektiven auf das kreative Leben im «Chreis Chaib» zu eröffnen. Der selbst formulierte Anspruch des Kuratorentrios lautet, ein Psychogramm des Kreises zu erstellen. Mit 222 Positionen kommen sie dieser Herausforderung nahe, wobei als Konsequenz das Helmhaus nun aus allen Nähten zu platzen droht.
Im grossen Ausstellungsraum legt Baviera im Geiste eines Gesamtkunstwerks seine ganz persönliche Perspektive dar. Er durchlebte über Jahrzehnte hinweg verschiedenste «Kunstepochen» im Quartier und kann einiges berichten. Folglich platzierte er in der Nähe des berühmten Max Bill ein mit Bonbons gefülltes Stiefelpaar des Künstlers Thomas Galler. Sehr ungewöhnliche Gemeinschaften sind das, aber genau solche findet man im «Vieri» des Öfteren. Auch hat Baviera einen Selbstbedienungsmarkt für Lebensmittel eingebaut und Architekturmodelle ausgestellt. Mit viel Einsatz und persönlichem Engagement kommt schliesslich über drei Stockwerke verteilt ein unglaublich dichtes und teilweise skurriles Panoptikum zusammen. Darunter sind auch stille und persönliche Dokumente zu finden. Zum Beispiel ein Beitrag der Grande Dame des Off-Space in Zürich. Esther Eppstein hat in ihrem message salon im Perla-Mode zahlreichen Kunstschaffenden zu einer Ausstellung verholfen, darunter auch eine, die ein gewissenhafter Polizist unter Pornographieverdacht stellte. Die Angelegenheit endete mit einem Freispruch vor Gericht. Von Eppstein wird ein Video gezeigt, das sie mit Serge Pinkus über ihren Vater drehte. Die Kamera begleitet Vater Eppstein während des jährlichen Kunstrundgangs, der Galeriensaisoneröffnung, um eine sozial-historische Karte des Kreis 4 zu entwerfen. Kurz danach stirbt Vater Eppstein. Kunst kann manchmal unter die Haut gehen. Eine ebenso feine und schöne Arbeit stammt von Olivia Heussler, die Zürich über Jahrzehnte mit der Kamera für redaktionelle sowie freie Fotografie begleitete. Sie porträtierte die Bewohnerschaft des Erismannhofs vor ihren Öfen. Der Erismannhof ist so etwas wie die kleine Version des gesamten Kreises, bunt, eigenwillig, mal laut, aber auch einfach nur Wohnort. ‹Grösser als Zürich› ist ein Muss für diejenigen, die Zürich abseits der Bahnhofstrasse kennen lernen wollen. Nur sollte man das Zeitbudget ähnlich planen wie bei einer ausgedehnten Shoppingtour mit anschliessendem Abendessen. Anlässlich der Ausstellung ist ein hübsches Lese- und Bilderbuch bei Scheidegger & Spiess erschienen.

Bis: 22.04.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2012
Autor/in Stefan Wagner
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1203281035391FD-36
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.