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Fokus
5.2012


 Begonnen hat Raymond Pettibon, Raymond Ginn mit bürger­li­chem Namen, in den Achtzigerjahren in der Punkszene in Los Angeles. Seine Plattencover, Flyer und Booklets für legendäre Bands wie ‹Black Flag› prägten die Ikonografie der HardcoreSzene nachhaltig. Heute ist er einer der bekanntesten amerikanischen Künstler der Gegenwart. Seine Zeichnungen waren im MoMA in New York, auf der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel zu sehen. Die Einladung als Stargast ans Fumetto und die Schau im Kunstmuseum Luzern boten Anlass für ein Gespräch über Andy Warhol, Politik und die Eisenbahn.


Raymond Pettibon - Polyphonie in der Zeichnung


von: Pablo Müller

  
links: No Title (This brightness causes), 2010, 76,2 x 55,9 cm, Stift, Tusche und Gouache auf Papier
rechts: No Title (What appears a), 2007, 80,6 x 7,6 cm, Stift, Tusche und Gouache auf Papier


Müller: Wie ich in einer Besprechung gelesen habe, bist du ein etwas schwieriger Gesprächspartner und im Interview die härteste Nuss seit Andy Warhol.

Pettibon: Mir macht es nichts aus, über meine Arbeit zu sprechen. Vielleicht entsteht dieser Eindruck, weil ich nicht viel lächle - was allerdings keineswegs ein Zeichen von Desinteresse ist, sondern einfach das Gesicht, mit dem ich geboren wurde.

Müller: Ferner geht dir der Ruf voraus, politisch zu sein. In einem Interview anlässlich der Ausstellung im MACBA in Barcelona hast du dich sogar als Anarchist geoutet. Wie steht es um die Anarchie in deinen Zeichnungen?

Pettibon: Ja, ich bin Anarchist. Anarchie hat aber nichts mit Bomben werfen zu tun. Es ist die Überzeugung, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, seine Fähigkeiten zu entfalten. Wie diese Überzeugung meine Kunst beeinflusst, ist schwierig zu sagen. In Barcelona kam dieses Thema auf, weil ein grosser Teil der Jugendlichen, die im Museum arbeiteten, Anarchisten waren. Politik ist nicht zentral für das, was ich tue. Auf jeden Fall nicht in einer direkten Weise.

Tusche und Feder
Müller: Mit Tusche und Feder hast du begonnen und diese Technik ist bis heute wichtig für dich. Warum verwendest du diese Ur-Werkzeuge der Zeichnung?

Pettibon: Diese Materialien hatte ich zur Hand, als ich begann. Jeder kann mit einem Stift und einem Stück Papier beginnen. Es ist wie Schreiben. Man ist nicht abhängig von bedeutenden finanziellen Mitteln. Ich dachte nicht daran, grossformatige Richard Serras zu produzieren. Meine Arbeit ist eher verwandt mit Buchseiten und der Idee der Reproduktion als mit dem Monumentalen.

Müller: Seit einigen Jahren verwendest du auch Gouache, Wasserfarbe und Acryl und deine Zeichnungen erhalten zunehmend eine malerische Qualität.

Pettibon: Das Vorgehen bleibt sich ziemlich gleich. Ich begann mit Farbe zu zeichnen, weil ich etwas Neues lernen wollte.

Müller: Deine Zeichnungen funktionieren als einzelne Blätter. In Ausstellungen präsentierst du sie jedoch als Gruppe, in Büchern als Konvolut, in Filmen als Sequenz. Welchen Status hat das Einzelbild für dich? Und welche Rolle spielt dabei die Idee der Collage?

Pettibon: Alle meine Zeichnungen weisen Elemente der Collage auf. Die verwendeten Texte oder Bilder stammen aus unterschiedlichen Quellen. Die physische Form der Collage macht diesen Umstand lediglich augenfällig, doch gibt es immer ein Element des Editing, der Collage oder Montage. Das geschieht bereits im Kopf. Jedes Individuum, jeder Denkprozess funktioniert so.

Müller: Du verstehst dich demnach mehr als Sampler oder DJ denn als autonomes Schöpfer-Subjekt.
Pettibon: Die Zeichnungen funktionieren als Einzelbilder. Doch kannst du sie beliebig kombinieren und erweitern. Der Verstand stellt von selbst Verbindungen und Bedeutungen her. Ich schreibe keine Lesart vor. Jede Zeichnung beginnt bei einem Nullpunkt. Klar, es gibt Bilder, die immer wieder auftauchen in der einen oder anderen Weise. Aber das war eigentlich nicht geplant. Meist gehe ich eher spontan vor, als dass ich gezielt etwas verfolge.

Müller: Woher kommen die Textpassagen, die du in den Zeichnungen verwendest - aus Romanen, Tageszeitungen, Filmen oder dem Alltag?

Pettibon: Ich folge keiner Regel. Jedes Material aus meiner Umgebung kann in die Zeichnungen einfliessen. Die Texte stammen von überallher. Es können Dinge sein, die ich irgendwo höre. Die Bilder entnehme ich Filmen, aus dem Fernsehen, Illustrationen, anderen Kunstwerken, sie stammen aus Studien vor dem Objekt oder einfach aus meiner Erinnerung.

Müller: Oft bleibt unklar, wer in deinen Zeichnungen spricht. Manchmal sind es die in der Zeichnung abgebildeten Personen, doch meist kommt die Stimme irgendwo von ausserhalb des Bildes.

Pettibon: Es kann einen Dialog im Bild geben oder die Stimme kommt von jenseits des Rahmens. Selten bin ich es, der spricht, und dann ist es ein Versehen. Die Werke sind keine Bekenntnisse oder Ausdruck von dem, was ich zu sagen habe. Es ist Fiktion. Die Werke stehen nicht für mich und auch nicht für irgendeine andere Person. Sie enthalten eine Mannigfaltigkeit von Stimmen. Bereits in einer einzigen Zeichnung kann dies der Fall sein.

Popkultur in Lokalfarbe
Müller: Dennoch sind deine Arbeiten sehr amerikanisch. Motive wie Baseball, Surfer oder US-Flagge verweisen auf die Alltagskultur der Vereinigten Staaten.

Pettibon: Jeder kommt irgendwoher. In dem, was du tust, spiegelt sich, was um dich herum geschieht. Was auch immer ich für einen Rucksack mit mir trage, welche lokale Farbe ich habe, in meiner Kunst wird das spürbar. Das geschieht sowieso. Ich versuche nicht, meiner Geografie, meiner Zeit oder meiner Position zu entfliehen, aber ich versuche auch nicht, diese zu repräsentieren und für sie zu sprechen.

Müller: Etwas überrascht war ich, unter den wiederkehrenden Motiven auch gotische Kathedralen zu finden.

Pettibon: Die Kathedralen sind nicht typisch für Amerika, das stimmt, aber genauso wenig ist es das Christentum, die Jungfrau Maria. Es gibt grafische Gründe für die Wahl der Motive. Die Wellen wie auch die Kathedralen haben eine grafische Qualität. Baseball ist im Vergleich zu American Football, Fussball oder Basketball visuell interessanter. Einige meiner Arbeiten setzen vielleicht ein lokales Wissen voraus, doch weiss ich nicht, ob Amerikaner oder Schweizer die Arbeiten besser verstehen.

Müller: Die meisten deiner Sujets sind in der Vergangenheit angesiedelt. So sind die Lokomotiven, die du auch in Luzern zeigst, mit Dampf betrieben. Eine gewisse Nostalgie scheint mir dabei mitzuschwingen.

Pettibon: Die Eisenbahn hat heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. In den Vereinigten Staaten verschwand sie mehr oder weniger aus der Landschaft. Auch in England spielt sie nicht mehr die Rolle wie während der industriellen Revolution. Tatsächlich stammen viele meiner Motive aus der Vergangenheit. Die Art und Weise, wie ich historisches Material aufnehme, ist jedoch nicht im Wunsch begründet, die Zeit zurückzudrehen und zu sagen, dass es früher besser war. Es ist lediglich eine Möglichkeit, einen Schritt zurückzutreten und die Gegenwart aus Distanz zu betrachten.

Politik der Komplexität
Müller: Wie du bereits erwähnt hast, möchtest du mit deiner Kunst nicht politisch Stellung beziehen. Stört es dich demnach, unter dem Label «politische Kunst» zu laufen? Politischer Kunst wird ja oft nachgesagt, sie trete für etwas ein.

Pettibon: Politische Kunst funktioniert wie Werbung. Sie ist Propaganda. Es geht dabei meist darum, eine möglichst starke Wirkung zu erzielen. Ich respektiere das Publikum zu sehr, als dass ich es als Zielgruppe auffassen könnte. Überhaupt ist fragwürdig, ob die Kunst die Möglichkeit hat, eine solche Wirkung zu entfalten. Künstler sind keine Meinungsmacher.

Müller: Du siehst deine Zeichnungen demnach nicht als ein Mittel, gesellschaftliche Konventionen zu hinterfragen?

Pettibon: Doch. Wenn irgendetwas wert ist, kritisiert zu werden, dann ist es gut, dies zu tun. Ziel muss jedoch sein, dies in einer Komplexität zu tun und nicht in der Form von Propaganda. Pablo Müller, freier Kunstkritiker, lebt in Berlin und Zürich.


Bis: 22.07.2012


Raymond Pettibon (*1957, Tucson, Arizona) lebt in New York
1977 BA in Ökonomie, University of California, Los Angeles

Einzelausstellungen
2007 Kestnergesellschaft, Hannover
2006 Kunsthalle Wien; Centro de Arte Contemporáneo de Málaga, Spanien
2005 Whitney Museum of American Art, New York
2004 Graphische Sammlung der ETH Zürich
2002 MACBA, Barcelona



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Raymond Pettibon [24.03.12-22.07.12]
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Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Raymond Pettibon
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