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Fokus
5.2012


 ‹From Yu To Me› - treffender als mit dem Titel ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel lassen sich die Kerninteressen der Arbeit von Aleksandra Domanović kaum beschreiben: die eigene und die kollektive Erfahrung des Zerfalls von Jugoslawien zum einen, zum anderen die konsequente Beschäftigung mit dem Internet, mit der Rezeption und Distribution von Bildern und Informationen.


Aleksandra Domanović — Turboskulpturen und flüchtige Monumente


von: Christiane Rekade

  
links: Monument to Revolution, 2012, MDF, Tadelakt, Installationsansicht: Higher Atlas, 4. Marrakesch Biennale. Alle Abbildungen: Courtesy Tanya Leighton Gallery, Berlin
rechts: untitled (30.III.2010), 2010, ausdruckbare Monumente fur die abgeschaffte .yu Domain, 3 x 7.500 Seiten Papierstapel- Skulptur, A4 inkjet. Foto: Gunnar Meier


Im Februar wurde Woody Allens Film ‹Midnight in Paris›, in dem die französische First Lady als Touristenführerin im Musée Rodin auftritt, mit einem Oscar ausgezeichnet. Im selben Monat erregte Carla Bruni-Sarkozy in einem anderen Fall von Bildhauerkunst die Aufmerksamkeit der Medien: Der Bürgermeister von Nogent-sur-Marne plant, den italienischen Gastarbeiterinnen, die in den Federschmuck-Fabriken des Ortes arbeiteten und damit Wesentliches zu dessen Wohlstand beigetragen haben, ein Denkmal zu bauen. Die über zwei Meter grosse und rund 82’000 € teure Bronzestatue soll eine Immigrantin in Arbeiterkleidung zeigen. Dafür Modell stehen soll ausgerechnet die Präsidenten-Gattin.

Turbo
Während die First Lady in der Provinz von Paris als Gastarbeiterin posiert, verkörpern Statuen von Bruce Lee, Rocky Balboa, Tarzan oder Tupac Shakur in verschiedenen Städten Ex-Jugoslawiens die Vorstellungen von Gerechtigkeit, Überlebenswillen, Stärke oder Toleranz. In ihrem Video Essay ‹Turbo Sculpture›, 2012, geht Aleksandra Domanović diesem Phänomen nach, das sich seit rund zehn Jahren in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien beobachten lässt: In Ermangelung von Referenzen oder glaubhaften Vorbildern in der eigenen jüngsten Geschichte wird auf Filmfiguren, Schauspieler oder andere popkulturelle Berühmtheiten zurückgegriffen, um mit solchen Turboskulpturen gesellschaftlichen oder moralischen Werten ein Gesicht zu geben. Mit dem Begriff der ‹Turbo Sculptures› bezieht sich Domanović auf den ‹Turbo Folk›, jene Mischung aus Volksmusik, Schlager, Pop und Techno, die Anfang der Neunzigerjahre in den Balkanstaaten populär wurde. Über die zum Teil absurden und faszinierenden Geschichten der neuen Heldenstatuen beschreibt Aleksandra Domanović auf subtile Weise die komplizierte Suche der ex-jugoslawischen Staaten nach einer (neuen) nationalen Identität.

.yu and .me
Die Internetdomain der Bundesrepublik Jugoslawien, die am 30. März 2010 definitiv abgeschaltet wurde, hiess .yu. Laut Wikipedia war es eine der meistbenutzten Top-Level-Domains, die je gelöscht wurden. An die Stelle von .yu trat .me, das Kürzel für Montenegro und .rs für Serbien – jene zwei Staaten, die bis 2003 als Bundesrepublik Jugoslawien noch den Begriff «Jugoslawien» in ihrem Namen trugen. Für Domanović markiert die nun auch digital vollzogene Abschaffung Jugoslawiens das endgültige Ende des Landes, in dem sie aufgewachsen ist. Mit der Arbeit ‹aleksandraDomanovic.sk // aleksandraDomanovic.rs // aleksandraDomanovic.si // aleksandraDomanovic.eu› setzte sie 2009 dem zerfallenen Staat ein virtuelles Denkmal.
Die Liste der Kürzel der Slowakei, Serbiens, Sloweniens wie auch Europas macht die Position der Künstlerin deutlich, die in Serbien geboren wurde, in Slowenien aufwuchs, in Ljubliana und Wien studierte und heute in Berlin lebt. Sie ist betroffen von der Geschichte und den Entwicklungen ihres Heimatlandes, aber sie ist auch seit längerer Zeit eine aussenstehende Beobachterin. Gerade diese Verbindung von eigenen Erinnerungen und Erfahrung mit scharfen Beobachtungen und neutralen Analysen zeichnen Domanović s Arbeiten aus. Sie geht den Fragen der kollektiven Erinnerung, der Manifestation von alten und neuen Identitäten in den post-jugoslawischen Staaten nach. Dies tut sie jedoch nicht in einer nostalgischen Verklärung oder moralischen Anklage, sondern in einer beharrlichen Suche nach der Vergangenheit und einer klugen Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Materialisierung des Digitalen
Die Werke von Domanović finden sich fast alle auf ihrer Website. Sie können dort abgespielt, angeschaut oder – wie die ‹paper stacks› – als PDFs heruntergeladen werden. Die ‹paper stacks› sind Stelen aus gestapelten, nur am Rand bedruckten A4- oder A3-Blättern. Ihre Seitenflächen zeigen Fotos und Bildausschnitte, die auf verschiedene Ereignisse im Zusammenhang mit der jüngsten Geschichte Ex-Jugoslawiens Bezug nehmen. Mit den ‹paper stacks› transformiert Domanović ihr hauptsächlich digitales Arbeitsmaterial in Objekte. Doch sind die eleganten Papierstelen nicht blosse Illustrationen zu den Informationen und Fakten, welche die Künstlerin recherchiert, sondern sie bilden ein Netzwerk aus Erinnerungsfragmenten, das sowohl räumlich als auch konzeptuell funktioniert.
Auf andere Weise verfährt die Künstlerin mit ihrem Material in der Arbeit ‹19:30›, 2010/2011. Die Arbeit existiert sowohl als Videoinstallation als auch als Technoparty. In akribischer Recherche sammelte Domanović die audiovisuellen Jingles (gesungene Werbebotschaften) der Nachrichtensendungen, die im jugoslawischen Fernsehen jeweils um 19:30 ausgestrahlt wurden, und liess sie von verschiedenen DJs zu Techno-Tracks samplen. Damit nimmt sie ein weiteres Element der eigenen und kollektiven Erinnerung auf; die Techno- und Ravekultur, die Mitte der Neunzigerjahre auch in Ex-Jugoslawien aufkam, funktionierte für die Nachkriegsgeneration als verbindendes Element: «Wir fuhren für Raves nach Serbien oder Kroatien und umgekehrt kamen die Serben und Kroaten zu den Partys in Slowenien», erzählt die Künstlerin. Dieses gemeinschaftliche Erlebnis nimmt sie zusätzlich in einem performativen Format auf, indem sie eine Technoparty inszeniert, bei welcher die DJs die Audio-Logos live mixen.
In Basel zeigt Domanović die Videoarbeit auf zwei nonchalant an die Wand gelehnten Flachbildschirmen, auf denen sie Samples der Original-Jingles mit den Aufnahmen von jugendlichen Technotänzern zusammenbringt: Ein Mix von Musik, Jugendkultur und identitätsstiftenden Bewegungen, der in Intensität und Poesie Mark Leckeys Videoessay ‹Fiorucci Made Me Hardcore›, 1999, in nichts nachsteht.

Zeitgenössisches Statement
Ob als Video, Party, als Papierskulptur, Domain-Eintrag oder Archiv – man könnte sagen, dass Domanović s Arbeiten immer eine Art Monument für Jugoslawien und seine Geschichte sind. Der Begriff des Monuments beeinhaltet neben dem lateinischen «monere» = erinnern auch die Repräsentation des Monumentalen, des Wuchtigen, Autoritären. Domanović s Werke haben jedoch fast immer einen flexiblen und flüchtigen Charakter. Die autoritäre Geste ersetzt sie durch unhierarchische, benutzerfreundliche Strukturen. Dass eine Welt in Stücken, eine Welt, deren Staaten und Systeme auseinanderbrechen, eine ähnliche Strategie in der Kunstproduktion erfordert, thematisierte das New Museum in New York bereits in seiner Eröffnungsausstellung 2007 unter dem Titel ‹Unmonumental›.
Un-monumental sind auch Domanović s Interpretationen der gewaltigen «Spomeniks» – so die slowenische, serbische und kroatische Bezeichnung für «Monument» –, die im Gedenken an den 2. Weltkrieg überall in Jugoslawien in einem modernistischen Stil errichtet wurden. Ausgehend von ihrem Beitrag für die 4. Marrakesch Biennale 2012 realisierte die Künstlerin eine Reihe von Skulpturen, bei denen sie Adaptionen der jugoslawischen Denkmäler mit sogenanntem Tadelakt verputzen liess. Diese traditionelle marokkanische Kalkputztechnik, die ursprünglich für die Ausstattung von Dampfbädern angewendet wurde, findet man als Spezialeffekt auch immer häufiger in europäischen Badezimmern. Die Skulpturen verlieren durch die leuchtende Farbgebung wie auch durch den Effekt des Tadelakts, der die Flächen weicher und die Ecken runder werden lässt, ihre historische und physische Schwere und erhalten einen gewissen Pop-Charakter.
Die Tadelakt-Skulpturen machen deutlich, dass Domanović sich der Vergangenheit mit den Instrumenten und der Ästhetik der Gegenwart annimmt. Faszination und Interesse an Technobewegung, Popkultur und dem Internet bestimmen ihre Arbeitsweise und machen ihre Werke zu einem so zeitgenössischen Statement.
Christiane Rekade, Kuratorin, lebt in Berlin.


Bis: 09.06.2012


Aleksandra Domanović (*1981, Novi Sad, Ex-Jugoslawien) lebt und arbeitet in Berlin Architekturstudium, Universität Ljubljana sowie Universität für angewandte Kunst Wien
Co-Gründung des Bilderblogs www.vvork.com

Einzelausstellungen (Auswahl)
2012 Künstlerhaus Bethanien, Berlin
2011 ‹19:30›, Galerija 001, Ljubljana; ‹Aleksandra Domanović & Oliver Laric›, MaxHansDaniel, Berlin;‹Turbo› (mit Oliver Laric), Western Front, Vancouver

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2012 ‹4. Marrakesch Biennale›, Marrakesch
2011 ‹Hotavantgardehothot›, OSLO10, Basel; ‹Les Cadeaux Du Présent›, Centre d'art Neuchâtel; ‹The 6th Momentum Biennial›, Moss, Norwegen; ‹based in Berlin›, n.b.k., Berlin
2010 ‹Free›, New Museum New York
2009 ‹Padiglione Internet›, zusätzliche Veranstaltung zur 53. Biennale Venedig
2008 ‹Tomorrow is humorless›, Stedelijk Museum Bureau Amsterdam



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Aleksandra Domanovic, Oliver Laric [20.04.12-09.06.12]
Ausstellungen Aleksandra Domanovic, Latifa Echakhch, David Maljkovic, Pedro Wirz [01.04.12-27.05.12]
Ausstellungen Collect the WWWorld [09.03.12-20.05.12]
Institutionen Villa du Parc [Annemasse/Frankreich]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Institutionen HeK Haus der elektronischen Künste Basel [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Christiane Rekade
Künstler/in Aleksandra Domanovic
Link http://www.vvork.com
Link http://www.higheratlas.org
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