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Fokus
5.2012


 In den Räumen und Landschaften, die er bewohnt, gestaltet sich der Mensch Abbilder sozialer, politischer und kultureller Wünsche und Interessen. Nicolas Savary und Tilo Steireif erkunden in ihren fotografischen Arbeiten Orte und Strukturen. Die beiden Künstler aus Lausanne analysieren, mal jeder für sich, mal im Duo, die Wechselwirkungen zwischen realen und fiktionalen Welten, die Ideologisierung des Lebensraums und die Media-lisierung der Politik. Dabei sind sie nicht nur Beobachter, als Pioniere der Lausanner Off Space-Szene greifen sie aktiv in die Kulturlandschaft ein.


Nicolas Savary und Tilo Steireif - Kultur-Landschaften fest im Blick


von: Alice Henkes

  
links: Nicolas Savary & Tilo Steireif · Figures Politiques, 2007/2008
rechts: Nicolas Savary & Tilo Steireif · Figures Politiques, 2007/2008


«Wacher! Wacher!». Aus dem Off dirigiert die Stimme eines Fotografen die Bewegungen von Politikern, die vor der Kamera posieren. Die Parlamentarier suchen nach dem Ausdruck, der Geste, die den Wählern Energie und Kompetenz suggerieren soll. Dabei ist Feinarbeit gefragt: Die Arme etwas höher, das Lächeln offener, der Blick wacher. Eine junge Politikerin bleckt zwischendurch die Zähne, um sich vom zuversichtlichen Lächeln zu entspannen.

Politiker als Schauspieler
«Welche Gedanken kreisen im Kopf des Gewählten, wenn er fotografiert wird?», fragen Nicolas Savary und Tilo Steireif in einem Text zu ihrer Ausstellung ‹Die Wahl des Volkes›. Sechs Jahre haben die beiden Fotokünstler aus Lausanne Wahlkampagnen und Politpersonal in der Schweiz mit der Kamera und mit kritischen Gedanken verfolgt. Entstanden sind mehrere miteinander verknüpfte Serien, die subtil untersuchen, wie die mediale Inszenierung einer Person die Figur des grossen Politikers, der grossen Politikerin entstehen lässt.
Mittelpunkt der von der Kuratorin Katri Burri initiierten Ausstellung, die zurzeit in der Fotogalerie Coalmine in Winterthur zu sehen ist, sind die Filme ‹Figures Politiques›, die beim Fotoshooting der Schweizer Politiker-Szene im Bundeshaus entstanden. Dem Politiker vor der Kamera sei bewusst, dass sein Bild mit Macht besetzt sein werde, schreiben Savary und Steireif. Er oder sie versuche, die Macht des Bildes für sich zu nutzen, indem Autorität, Willenskraft, Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit simuliert würden. Dabei gehorche der Politiker den Aufforderungen des Fotografen. Denn, so resümieren Savary und Steireif: «Der Politiker ist ein schlechter Schauspieler, der sich nicht in seine Figur einzufühlen vermag.»
Savary und Steireif interessieren sich für die Kulissen, in denen das Schauspiel Politik stattfindet. Sie haben ein Auge für die unfreiwilligen Kalauer des Wahlkampfes, wenn etwa der damalige SVP-Kandidat Heinz Siegenthaler als ‹Brückenbauer› auf einem Abfallcontainer klebt. Sie sehen die weissen Partyzelte mit ihrem wetterfesten Allerwelts-Glamour, die während der parlamentarischen Session in Flims 2006 auf dem Tennis-Court stehen, und im Kontrast dazu die bieder-langweiligen Lokale, in denen in Liestal, Olten oder Sitten politisiert wird. Die beiden Fotografen finden in der politischen Landschaft den Gedanken Roland Barthes bestätigt, die politische Utopie weise alle Merkmale der häuslichen Utopie auf, ausser der Sehnsucht.

Künstler als Kuratoren
Räume und Strukturen, geografische, kulturelle, soziale, beschäftigen Savary und Steireif seit langem. Kennengelernt haben sie sich an der Ecole Cantonale d'Art de Lausanne. Dem Diplom folgte die ernüchternde Einsicht, dass es der Kunstszene vor Ort an Spontanität und Raum für Diskurse mangelte. «Wir haben keine Kunsthalle und wir hatten keinen Raum für junge Künstler», sagt Savary. Gemeinsam mit Steireif schuf er die fehlenden Räume einfach selbst. 1997 organisierten beide in einer leer stehenden Villa eine Ausstellung mit 15 jungen Kunstschaffenden. Der künstlerischen Hausbesetzung der ‹Villa Gracieuse› folgten als ‹Manifeste d'Art Contemporain MAC› Ausstellungen an verschiedenen Orten. Ein Kino, ein Kiosk, eine Boutique wurden zu Kunsträumen auf Zeit. 2005 gründeten sie mit anderen Künstler/innen den Off Space ‹Standard de Luxe›. Inzwischen hat sich die Situation in Lausanne verändert und es gibt rund zehn unabhängige Kunsträume.

Shopping-Center und Wohncontainer
Orte, Räume und Strukturen beschäftigen Savary und Steireif auch in ihrer künstlerischen Arbeit. Savary verwandelte von 1997 bis 2001 Sporthallen, Shopping-Center und Zoo-Gehege mit Hilfe einer Lochkamera in ‹Architecture fictions›. Die dunklen Bilder lassen die hochmodernen Vergnügungsorte fremd und zeitentrückt wirken, durch die langen Belichtungszeiten erscheinen die Räume unbelebt und schwermütig, die Bilder betonen das Unwirkliche dieser artifiziellen Raumlandschaften. Für die Serie ‹Retrophotographie› nahm Savary historische Fotos aus dem Kanton Waadt und fotografierte die darauf abgebildeten Orte heute nach. Landschaften, die Menschen durch Bearbeitung ihrer Umgebung schaffen, interessieren ihn ebenso wie die Versuche, ein unerreichbares inneres Ideal räumlich umzusetzen. Wunderbar zeigt dies die Serie von Pariser Dachlandschaften unter duftig bewölktem Abendhimmel, auf der Schornsteine und Wetterfahnen zuweilen verräterische Schatten werfen. Die Serie ‹Paris - Vegas› entstand im Casino ‹Le Paris› in Las Vegas.
Steireif, der in einem Langzeit-Projekt die Veränderungen des kulturellen und ökonomischen Lebens im Stadtbild Lausannes erforscht, interessiert sich für ephemere Räume, fragile Situationen. Im Jahr 2000 erstellte er ein Foto-Inventar der Waadtländer Empfangsstellen für Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Fünf Jahre später fotografiert er die provisorischen Unterkünfte von Mineuren in den Schweizer Alpen. Die dokumentarischen Bilder zeigen in die Berglandschaft geworfene Wohncontainer. Menschen sucht man auf diesen Fotografien vergebens, sie sind vermutlich in den Tunnelbaustellen. In Interviews, die Steireif mit den Arbeitern internationaler Herkunft geführt hat, erhalten diese Unsichtbaren eine Stimme, mit der sie von zuhause sprechen. Viele arbeiten während ihrer knappen Ferien am eigenen Haus, das ihre Träume füllt, während sie im Wohncontainer auf die Zukunft warten. ‹Welcome Home› betitelt Steireif, der auch als Zeichner tätig ist, diese Arbeit mit doppelbödiger Ironie.

Die Rückseite des verlorenen Paradieses
Wie eng das Interesse an historischen Bauten mit politischen und ideologischen Interessen verknüpft sein kann, das thematisieren Savary und Steireif in ihrer ersten künstlerischen Kooperation. Die Bild-Serie ‹Sauver - Capturer› entstand im Auftrag des Freilichtmuseums Ballenberg. Das Museum für traditionelle Gebäude und Bräuche der Schweiz liess zwischen 2001 und 2002 den Gutshof La Pobbia aus dem Tessin abtragen und auf dem Museumsgelände im Berner Oberland wieder aufbauen.
Savary und Steireif sollten das bisher umfangreichste Projekt des Museums dokumentieren. Gemäss ihrer üblichen Arbeitsweise setzten sich die Künstler intensiv mit dem Gegenstand auseinander. Sie sprachen mit Architekten, Ethnologen, ehemaligen Bewohnern des Hauses.

Kleinteilige Bau- und Sortierarbeit
An seinem Standort im Mendrisino war der Hof langsam verfallen, im Berner Oberland sollte er als Schmuckstück der kleinen Gruppe Tessiner Bauten glänzen. Doch die Bilder, die Savary und Steireif fertigten, waren nicht das, was man sich am Ballenberg erhofft hatte, zeigten sie die Translokation des Gutshauses doch nicht als heroischen Akt von nationaler Bedeutung, sondern als ermüdende kleinteilige Bau- und Sortierarbeit. Savary und Steireif verweigerten sich der vom Museum und konservativen Politikern gepflegten Idealisierung der ländlichen Vergangenheit. Sie mochten in La Pobbia kein Symbol eines verlorenen Paradieses sehen, einer vergangenen Welt, in welcher der Mensch noch im Einklang mit der Natur lebte, sondern richteten ihr Augenmerk auf die Camions, welche «die Steine eines Gutshauses aus dem Mendrisio in jene Berge zurückbringen, aus denen sie einst geholt wurden», wie Steireif erläutert. Auf dem Museumsgelände stehen für Savary «viele Gebäude im Kontrast zur Landschaft».
Die Begegnung mit dem Ballenberg vertiefte ihre kritische Wahrnehmung der «Manipulation der Kultur durch die Politik», wie Savary betont. «Wir machen keine politische Kunst im engen Sinne, doch wir reagieren mit unserer Arbeit auf die soziale Realität.» Die Inszenierung der Politik wurde zum zentralen Thema in ihrem zweiten Gemeinschaftsprojekt, das sie nun nach sechs Jahren beenden. «Politiker ziehen uns nicht mehr an», konstatiert Steireif, «aber soziale Fragen bleiben uns wichtig.»
Alice Henkes (*1967, Hannover) lebt als freie Kunstkritikerin und Kuratorin in Biel.

Bis: 26.05.2012



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Nicolas Savary, Tilo Steireif [28.02.12-26.05.12]
Institutionen COALMINE Forum für Dokumentarfotografie [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Nicolas Savary
Künstler/in Tilo Steireif
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