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Fokus
5.2012


 Wie kann sich die bildende Kunst auf dem politischen Parkett einbringen? Warum gelingt dies der Musiksparte besser und was soll aus den mittelgrossen Kunstinstitutionen werden? Felix Gutzwiller, der Präsident der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur/WBK, steht Rede und Antwort.


Förderpolitik - Nun müssen die Kunstschaffenden aufs Parkett!


von: Oliver Kielmayer

  
Felix Gutzwiller in seinem Büro in Zürich, 2012


Kielmayer: Welches sind die Aktivitäten der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur?

Gutzwiller: Die Kommission hat einerseits den Auftrag, sämtliche sie betreffende Vorlagen vom Bundesrat oder den zwei Kammern des Parlaments zuhanden des Plenums im Ständerat vorzuberaten; dies in dauerndem Austausch mit der Schwesterkommission des Nationalrats. Die Gruppe geht auf verschiedene Vorschläge ein, zudem kann sie aktiv selbst Ideen einbringen. Wir können Anliegen oder Hinweise auf einen Notstand aufnehmen, diskutieren und eventuell einen Auftrag an den Bundesrat formulieren. Da gibt es eine ganze Reihe von Instrumenten, die wir zum Einsatz bringen können.

Kielmayer: Inwiefern folgt der Ständerat den Empfehlungen, welche die WBK abgibt? Oder wird im Plenum noch intensiv diskutiert?

Gutzwiller: Die Kommission erarbeitet Vorschläge ans Plenum. Diese kommen manchmal einstimmig zustande, manchmal werden sie von einer Mehr- respektive Minderheit getragen. Hat die Kommission eine relativ klare Meinung, wird der Vorschlag im Rat häufig angenommen. Ist die Kommission gespalten oder geht es um Fragen der Parteilinie, dann ist der Ausgang offen. Auf jeden Fall ist die Kommission sehr wichtig und je besser sie ihre Arbeit macht, je konsensfähiger und klarer ihre Vorschläge, desto grösser die Chancen, Unterstützung im Plenum zu finden.

Kielmayer: Hinsichtlich der im letzten Jahr verabschiedeten Kulturbotschaft sind insbesondere die Vertreter der bildenden Kunst der Meinung, die Verlierer zu sein. Sehen Sie dies auch so?

Gutzwiller: Ich habe ein gewisses Verständnis dafür. Insgesamt war die Kulturbotschaft ein bemerkenswertes Ereignis, denn zum ersten Mal machte man einen Vierjahresüberblick über die Kulturförderung des Bundes. Das grosse Anliegen der Kulturbotschaft war ja der Transfer einiger Bereiche vom BAK zur Pro Helvetia. Dies wurde auch unter der Optik gewünscht, die Kulturförderung verwaltungsferner, also unabhängiger von der Bundesverwaltung zu machen. Bei diesem Übergang gab es eine Diskussion über die Mittel, welche an die Pro Helvetia übertragen werden sollten. Ich selber kämpfte dafür, dass im Bereich Fotografie klarere Verhältnisse geschaffen werden, doch musste man am Ende mit einer Kürzung von rund CHF 700'000 leben.

Kielmayer: Auch die kleineren Institutionen und unabhängigen Kunsträume verloren eine jährliche Unterstützung von zuvor CHF 200'000.

Gutzwiller: Dieser Ansicht war auch die Pro Helvetia. Dennoch setzte sich die Meinung durch, eine alle Bereiche umfassende, konsolidierte Kulturbotschaft sei ein grosser Fortschritt; man müsste bei deren Umsetzung freilich darauf achten, Defizite zu erkennen und in einer nächsten Runde transparent zu machen. Für eine nächste Botschaft muss man sich also frühzeitig zusammenfinden, die Prioritäten formulieren und sich manifestieren. Je besser sich Kunst und Kultur organisieren und proaktiv tätig werden, desto grösser die Chance, das Parlament zu beeinflussen.

Kielmayer: Es wird immer auf die gute Lobby der Musik in der Politik hingewiesen. Jüngstes Beispiel ist die gesetzliche Verankerung der musikalischen Frühbildung im Bundesauftrag, während eine analoge Formulierung für den Kunstunterricht fehlt.

Gutzwiller: Die Musikinitiative ist in der Tat ein gutes Beispiel. Die Schlussformel, die bald vors Volk kommt, verpflichtet Bund und Kantone dazu, dass die musikalische Bildung Fortschritte macht. Die Initianten haben dies sehr geschickt arrangiert, eine breite Allianz aufgebaut und dem Parlament einen klaren Vorschlag gemacht.

Kielmayer: Mir scheint häufig, die Politiker hätten eine besondere Affinität zur Musik, weitaus weniger zur bildenden Kunst. Hat dies mit der emotionalen Zugänglichkeit der Musik zu tun oder ist die zeitgenössische Kunst einfach zu schwierig?

Gutzwiller: Das spielt wohl eine Rolle; auch das breite Publikum hat weniger Zugang zur zeitgenössischen Kunst und die Milizparlamentarier bilden dies ab. Wir kümmern uns um sämtliche visuellen und audiovisuellen Formen; die bildende Kunst gehört natürlich dazu und ist ein unverzichtbarer Bestandteil von Kultur und Gestaltung des Alltags. Auch bei der Forschungsförderung gibt es Berührungspunkte; eine bessere Positionierung der Forschung im Kunstbereich ist beispielsweise ein Weg, um beim Publikum ein besseres Verständnis aufzubauen. Eine besondere Herausforderung ist dabei die Anbindung der Studiengänge an die künstlerische Praxis; es darf nicht sein, dass am Ende die Künstler nur noch über die Kunst reden können, aber nichts mehr produzieren.

Kielmayer: Die Kulturförderung in der Schweiz scheint auf allen Ebenen dem Modell von high and low zu folgen. Man spricht von kulturellen Leuchttürmen, denen man immer mehr Mittel gibt, andererseits setzt man auf lokale Formate und Laienkultur. Halten Sie diese Polarisierung für eine gute Entwicklung?

Gutzwiller: Ich sehe nicht ein, weshalb man nicht ein tolles Opernhaus und erstklassige Kunstsammlungen haben kann und gleichzeitig eine intakte, brodelnde, lokale Kulturszene. Ich finde beides hat in einer modernen Gesellschaft seine Berechtigung.

Kielmayer: Ich dachte eher an das, was dazwischen liegt. Gerade im Geflecht zwischen lokal, national und international sind mittelgrosse Institutionen wie die Kunsthallen am produktivsten. Sie sind international bestens vernetzt und haben gleichzeitig eine starke Anbindung an die lokale Künstlerschaft. Zudem ist die viel beschworene interkulturelle Verständigung dort alltägliche Praxis. Gerade diese Institutionen scheinen die Unterstützung durch die Politik zu verlieren; entweder man konzentriert sich auf die ganz Grossen oder fördert auf lokaler Ebene.

Gutzwiller: Es gibt eigentlich keinen Grund dafür, dass solche Institutionen durch die Maschen fallen sollten. Kunsthallen sind ja in der Tat sehr innovativ.

Kielmayer: Wie verhielten sich bei der Meinungsfindung zur Kulturbotschaft die Vertreter der Kultur, insbesondere BAK, Pro Helvetia und visarte?

Gutzwiller: BAK und Pro Helvetia äusserten sich, wenn auch mit etwas konträren Ansichten. Die visarte, durchaus ein wichtiger Ansprechpartner für die Politik, setzte sich nicht gross in Szene, sie war in der Sache sehr diskret.
Kielmayer: Im Vorfeld der Verabschiedung der Kulturbotschaft stand der VSIZK (Verein Schweizer Institutionen für zeitgenössische Kunst) in engem Kontakt mit BAK und Pro Helvetia. Man wurde ermuntert, selber aktive Lobbyarbeit zu betreiben. Daraus ergaben sich zwei Fragen: Erstens, inwiefern BAK und Pro Helvetia ihre eigene Verantwortung einfach abschoben, und zweitens, wie man politische Lobbyarbeit überhaupt macht.

Gutzwiller: In der Nähe zur Bundesverwaltung befindet sich das BAK im Clinch zwischen finanzpolitischen Vorgaben und den Wünschen und Visionen vieler Interessensgruppen. Die Pro Helvetia dagegen kann eigene Ansprüche erheben und hat dies auch getan. Dennoch müssen sich die effektiv Betroffenen aktiv einbringen, ganz wichtig dabei ist der persönliche Kontakt. Wenn Sina mit anderen Musikern im Bundeshaus aufspielt und beispielsweise sagt, sie habe ein Problem mit dem schlechten Urheberschutz, so hat dies eine ganz andere Wirkung als das Schreiben eines Verbands. Bei den Parlamentariern erreicht man am meisten mit einer innovativen Kontaktaufnahme; ausserdem mit guten Argumenten und genügend Zeit.

Kielmayer: Nach jüngsten Äusserungen von Pius Knüsel fragt man sich ernsthaft, inwiefern die Pro Helvetia die Anliegen der Kulturschaffenden überhaupt vertritt. Ihn scheint vor allem die Merkantilisierung der Kunst zu interessieren. Er scheint eine Veränderung der Kunst in der Art zu wünschen, sie für möglichst viele Leute konsumierbar und bekömmlich zu machen.

Gutzwiller: Die Pro Helvetia ist natürlich Anwalt der Kulturschaffenden, doch ist sie in einem Geflecht verschiedenster Interessensgruppen nicht frei von politischen Zwängen. Sie muss politischen Forderungen nach Erfolgsraten genügen oder gar politische Bestrafungsaktionen wie damals bei Hirschhorn hinnehmen.

Kielmayer: Dennoch sendet sie als Schnittstelle zwischen Kultur und Politik Signale in beide Bezugssysteme: Einerseits muss sie Anwalt der Politik gegenüber den Kulturproduzenten sein, andererseits jedoch auch Anwalt der Kulturschaffenden in der Politik. Das bildet sich in der Frage ab, ob die Pro Helvetia das faktische Kunstschaffen ernst nimmt, um mithilfe der Kulturpolitik dafür zu sorgen, die Vermittlung dieser Kunstproduktion zu fördern, oder aber für die Künstler Anreize schafft, so zu produzieren, damit mehr Leute die Resultate toll finden.

Gutzwiller: Das ist ein Zwiespalt. Auch ich bin skeptisch bezüglich gewisser Produkte, die nirgendwo ein Echo finden; das kann ja kein Leistungsausweis sein. Aber natürlich kann eine staatliche Filmförderung nicht darauf ausgerichtet sein, unbedingt einen Oscar zu gewinnen. Man muss auch Projekte unterstützen, deren Chancen am Markt fraglich sind und die am Ende dann vielleicht floppen.

Kielmayer: Wenn der Direktor der Pro Helvetia öffentlich von einer kommerziell rentablen Kunst träumt, so mutet dies derart bizarr an, dass man sich fragt, ob sich dahinter womöglich eine clevere politische Strategie verbirgt: Nämlich mit radikalen Forderungen oder Gedankenmodellen die sonst eher kulturfeindlichen Politiker in eine Verteidigungsrolle zu dirigieren. Kann dies politisch funktionieren?

Gutzwiller: Also den Vertretern von BAK oder Pro Helvetia würde ich davon dringend abraten. Im politischen Betrieb wären solche Strategien äusserst heikel. Der Fokus auf Rentabilität überrascht mich und vielleicht handelt es sich eher um eine gezielte Provokation. In der Debatte um die Kulturbotschaft waren die Finanzen ein Thema, doch ist die Frage, was sich auszahlt, sicher der falsche Weg. Abgesehen davon braucht es ja keine staatliche Förderung für Dinge, die kommerziell rentabel sind.

Felix Gutzwiller (*1948, Basel), seit 2007 Ständerat des Kantons Zürich. Er ist Direktor des Instituts für
Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich und Präsident der WBK.


Oliver Kielmayer ist Kurator der Kunsthalle Winterthur und gemeinsam mit Helen Hirsch Co-Präsident des VSIZK/Verein Schweizer Institutionen für zeitgenössische Kunst.



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Ausgabe 5  2012
Autor/in Oliver Kielmayer
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