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Besprechung
5.2012


Alice Henkes :  Historische Ereignisse bieten zahlreiche Lesarten. Ob und wie sich soziale und politische Geschichte individuell aneignen lässt und so zur Positionsbestimmung in einer immer komplexer werdenden Welt beiträgt, davon erzählt die internationale Gruppenschau im Fri Art.


Fribourg : Contre l'Histoire


  
Mark Boulos · All That Is Solid Melts into Air, 2008, Videostill, Zweikanal-Video, 15', Courtesy Galerie Diana Stigter, Amsterdam


Angesichts Judi Wertheins (*1967) Video ‹Secure Paradise›, 2007, lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: dass nichts mit Sicherheit gesagt werden kann. Die bayerische Siedlung, die auf Einladung des deutschen Botschafters in Chile entstand, ist ein Paradies oder ein Bunker. Sie war ein Waisenhaus oder ein Konzentrationslager, das man in ein Touristen-Ressort umgestaltet hat. Die Sprecher, die im Video der argentinischen Künstlerin aus dem Off von der Villa Bavaria erzählen, widersprechen einander. Die Bilder von Landschaften, Gebäuden, Personen, die dazu gezeigt werden, bleiben unkommentiert und letztlich aussagelos.
Dass Geschichte nicht aus unverrückbaren Fakten besteht, sondern im Blickwinkel des Betrachters oszilliert, ist bekannt. Selten jedoch wird dieses Wissen um Mehrdeutigkeit und Manipulierbarkeit von Geschichte so unmittelbar und plastisch erfahrbar wie in der Ausstellung ‹Contre l'Histoire› im Fri Art, für die Corinne Charpentier Videoarbeiten von fünf internationalen Kunstschaffenden zusammengestellt hat. Charpentier, die sich in ihren Ausstellungen immer wieder mit der Frage nach Zwängen und Möglichkeiten des Individuums beschäftigt, stellt mit ihrer intelligenten Ausstellung zur Diskussion, wie eine als unsicher empfundene Geschichte der Identitätsfindung dienen kann. En passant beeindruckt die Schau auch durch die stilistisch-technische Vielfalt der Videoarbeiten. Die israelische Künstlerin Yael Bartana benutzt einen Propagandafilm von 1936, der osteuropäische Juden nach Palästina einlädt, und ein aktuelles Filmdokument vom Wiederaufbau eines palästinensischen Hauses. Auf Vorder- und Rückseite einer Wand projiziert, erscheinen die Filme wie zwei Seiten einer Medaille. ‹All That Is Solid Melts into Air›, 2008, von Mark Boulos (*1975, Boston) stellt Bilder von der Finanzkrise 2008, gefilmt im Chicago Mercantile Exchange, Aufnahmen nigerianischer Freiheitskämpfer gegenüber, die ihren Anteil am Profit aus der Ölförderung fordern. Die Arbeit offenbart, wie stark Gewinner und Verlierer in das System des Kapitalismus eingebunden sind. Wie historische Ereignisse den privaten Alltag formen und wie der persönliche Blick Geschichte fassbar macht, erzählt die türkische Künstlerin CANAN (*1970), die in ihrem bildmächtigen Animationsfilm ‹The Waq Waq Tree›, 2010, Politik mit autobiografischen und mythologischen Elementen verbindet und so verdeutlicht, dass
Aneignung historischen Wissens ein individueller Prozess ist.

Bis: 06.05.2012



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Contre L'histoire [18.02.12-06.05.12]
Institutionen Fri Art Centre d'Art de Fribourg [Fribourg/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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