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Besprechung
5.2012


Roberta, De Righi :  Auch lange nach dem angeblichen «Ende der Malerei» malt Wilhelm Sasnal weiter. Die Bilder des im polnischen Tarnów geborenen Künstlers changieren zwischen Realismus, Pop und Abstraktion. Derzeit ist im Haus der Kunst eine Werkschau mit über sechzig Gemälden und einer Auswahl seiner Filme zu sehen.


München : Wilhelm Sasnal


  
links: Wilhelm Sasnal · Gaddafi 3, 2011, 160 cm x 200 cm, Öl auf Leinwand
rechts: Wilhelm Sasnal · Power Plant in Iran, 2011, 160 cm x 200 cm, Öl auf Leinwand


Der Horizont hängt hoch, das seichte Wasser im Vordergrund, in dem Äste und Steine als Schwemmgut auftauchen, ist von beunruhigendem Blau. Die beiden Gestalten, ein Kind und eine Frau, erscheinen im Gegenlicht in ‹Untitled - Kacper und Anka›, 2009, wie gebannt und verloren. Die Landschaft, die sie umgibt, ist von unheimlicher Schönheit. Wilhelm Sasnals (*1972) konzeptionelle Kunst bietet private Impressionen, aber auch Reflexionen über die Gegenwart, unter der die Schrecken der Vergangenheit aufblitzen. So setzt er sich immer wieder mit der NS-Geschichte Polens auseinander. Oft erkennt man Abgründe hinter einer scheinbar harmlosen Oberfläche. Das nach einem Zeitungsfoto entstandene ‹Agathe Kanziga Habyarimana› zeigt eine Frau aus einer mächtigen Hutu-Familie, die für den Völkermord an den Tutsi in Ruanda 1994 mitverantwortlich gemacht wurde. Sasnal interessierte sich für ihr Bildnis, weil sie, so der Künstler, «schön und gleichzeitig ... soll man es ‹böse› nennen?» ist. Die Frage nach der Banalität des Bösen, die bei Luc Tuymans noch ein paar Grade beklemmender wirkt, wird gestellt, ohne dass der Maler eine Antwort parat hat.
In Sasnals 2011 entstandenen Bildern wird viel Aktualität heraufbeschworen: In
‹Power Plant in Iran› wird die radioaktive Bedrohung gerade durch den Schritt in die Abstraktion umso eindringlicher dargestellt: Die Strahlung hängt als unheimlich heller Schein aus Farbschlieren über dem Atommeiler. Dagegen das Bild eines Tsunami-Opfers aus Japan oder der Körper des toten Gaddafi auf dem Boden ausgestreckt und im Dauerbeschuss der Kameras: Hält hier die inhaltliche Ebene stand?
Anders als etwa bei Gerhard Richters verschwommenen Abbildern der Stammheim-Toten fällt der Blick bei Sasnals ‹Gaddafi› nicht auf einen gestorbenen Menschen, sondern auf einen leblosen Körper im Blitzlicht der internationalen Aufmerksamkeit. Das kann man als den Grad der Abstumpfung interpretieren, mit dem wir heute mit der medialen Allgegenwart des Todes umgehen. Eine bedeutende Stufe weiter geht Sasnal in einem anderen Gaddafi-Bild: Hier ist der tote Diktator nur mehr eine amorphe Masse aus bunten Farbklumpen. Der Maler nimmt sein Sujet aus der Schusslinie, entzieht es unserem Blick.
Sasnal hält nicht Ereignisse fest, sondern experimentiert mit dem Betrachterstandpunkt. Seine Haltung ist das Fragezeichen. Aber auch wenn der Erkenntnisgewinn dabei stark vom Bewusstseinszustand des jeweils Betrachtenden abhängt, sind diese subtilen Wahrnehmungsstudien die Beachtung wert.

Bis: 13.05.2012



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Wilhelm Sasnal [03.02.12-13.05.12]
Institutionen Haus der Kunst München [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Wilhelm Sasnal
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