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Besprechung
5.2012


J. Emil Sennewald :  Mit Zeichnungen, Malerei, Fotografie arbeitet sich der gebürtige Berner Gilgian Gelzer durch Oberflächen und Form-Konstellationen zu jenen Kraftlinien vor, die den Raum und seine Wirkung bestimmen. Damit öffnet Gelzer dem heute so weit verbreiteten intermedialen Arbeiten wertvolle inhaltliche Perspektiven.


Paris : Gilgian Gelzer


  
Gilgian Gelzer · Ohne Titel, 2011, Farbstift auf Papier, 200 x 150 cm, Courtesy Galerie Jean Fournier, Paris © ProLitteris. Foto: Laurent Ardhuin


Als Philipp Otto Runge 1802 sein Gemälde ‹Die Lehrstunde der Nachtigall› in einer zweiten Fassung fertigstellte, ging es um die malerische Darstellung unsichtbarer Kräfte: Klang, Stimme, Rhythmus. Runges Lösung: Er übersetzte sie kompositorisch in Landschaft und Ornament. Und machte sichtbar, wie ein durch historische, kompositorische, symbolische Faktoren definierter Bildraum die Wahrnehmung formt.
Zur Hand des Malers und zum Auge des Betrachters trat die Kraft des Bildes als selbstbewusster Akteur hinzu. Sie ist Gegenstand der Arbeit von Gilgian Gelzer. Nicht, dass der in Paris lebende Künstler sie wie Mark Rothko oder Josef Albers inszenieren oder formalisieren würde, er lässt sie wirken, zeigt, was daraus wird.
Gelzer arbeitet an der Form und daran, wie diese Raum bedingt. Wenn der 61-Jährige seine Leinwände mit Farbflächen füllt, die organisch auswachsen und transparent übereinander lagern, dann ist das ästhetisch scheinbar von geringer Aktualität. Nimmt man seine grossformatigen Zeichnungen hinzu, wird deutlich, worum es auch in der Malerei geht: um die Frage, wie sich körperliche Form aus dem Bild gewinnen lässt. Unzählige farbige Linienknäuel nehmen scheinbar bekannte Formen an, um gleich wieder in einzelne Bewegungsabläufe zu zerfallen. Hier könnte man Züge der Abstrakten Expressionisten sehen. Doch Gelzer geht es ums Exponieren, nicht um Expression. Er setzt sich dem aus, was ihn durch seine Bilder lenkt. Dabei lässt er die Oberfläche, ewige Grenze und unüberwindbare Bedingung des Bildes, arbeiten. Nur der Punkt, an dem Gelzer zu seinen Liniengebilden ansetzt, entspringt einem bewusst-kontrollierten Akt. Was folgt, wird durch die räumliche Konfiguration der Linie bestimmt. Am Stand der Pariser Galerie Jean Fournier auf dem diesjährigen Salon Drawing now! hat er seine Zeichnungen wie eine Partitur gehängt, in schrittweise anwachsenden Blattgrössen. Im Atelier legt er weniger gebändigte Kartons und Skizzen vor, Sammlungen automatischer Zeichnungen oder gefundener Lineaturen.
Zwischen Auffinden und Gefundenwerden spannt sich der Raum von Gelzers Arbeit auf, seine Fotografien konkretisieren das. Fundstücke zufälliger Formationen im Stadt- oder Landschaftsraum, Flugzeugstaffeln, eine Linie aus Schnee machen sichtbar, wie auch der Alltag durch Lineaturen, der erlebte Raum durch künstlerische Form strukturiert ist. An diesem Punkt, der scheinbar natürlich gegebene Realität als Ergebnis eines Gewebes symbolischer und imaginärer Kraftlinien erkennbar macht, ist Gelzers Arbeit in einem Runge'schen Sinn romantisch.

Bis: 19.05.2012



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Ausgabe 5  2012
Ausstellungen Gilgian Gelzer [05.04.12-19.05.12]
Institutionen Galerie Jean Fournier [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Gilgian Gelzer
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